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Titel
Empire Families. Britons and Late Imperial India


Autor(en)
Buettner, Elizabeth
Erschienen
Anzahl Seiten
310 S.
Preis
$ 45.00
Rezensiert für Connections. A Journal for Historians and Area Specialists von
Harald Fischer-Tiné, Institut für Asien- und Afrikawissenschaften, Seminar für Geschichte Südasiens, Hmboldt-Unversität zu Berlin

Studien zum Britischen Empire haben derzeit Konjunktur. Neben Büchern von offensichtlich auf ein Massenpublikum schielenden Autoren wie Niall Ferguson oder Denis Judd 1, die einen weitgehend unkritischen, bisweilen gar nostalgieverschleiert apologetischen Blick auf Englands koloniale Vergangenheit werfen, sind unlängst auch eine ganze Reihe innovativer Arbeiten zur Geschichte des Empire und seiner Bedeutung für das englische ‚Mutterland’ erschienen. Besonders viel versprechend erscheinen die Aktivitäten einiger jüngerer HistorikerInnen, die seit einigen Jahren versuchen, unter dem Label ‚New Imperial History’ eine neue historiografische Schule zu etablieren. Wenn auch kein wirklich homogenes inhaltliches Profil dieser Gruppe existiert, so lassen sich doch bei ihren ersten Produkten zwei klare Tendenzen ausmachen: Erstens fließen ganz allgemein theoretische Ansätze, Erkenntnisse und Methoden der ‚Postcolonial Studies’ und Geschlechterstudien in die neue Imperialismusforschung mit ein, und zweitens werden imperiale Expansion und Kolonialismus in besonderem Maße - und in deutlicher Abgrenzung zu ‚alten’ unilateralen Diffusionsmodellen - als Interaktionsformen begriffen, die nicht nur auf die eroberten oder beherrschten Gesellschaften prägend einwirkten, sondern auch auf diejenige der imperialen ‚Metropole’.

Ohne explizit unter dem Label ‚New Imperial History’ zu firmieren, hat Elizabeth Buettner ein Buch vorgelegt, in dem die theoretischen Prämissen dieser Strömung meisterhaft mit akribischer Quellenarbeit verbunden werden. Vordergründig untersucht Empire Families die Auswirkungen der britischen Kolonialherrschaft in Indien auf das Familienleben und Selbstverständnis der Kolonisatoren (Kolonialbeamte, Armeeoffiziere, Missionare, Pflanzer, Händler, etc.); gleichzeitig fördert die Fallstudie jedoch auch wichtige Erkenntnisse über die tieferen Auswirkungen der kolonialen Episode sowohl auf die englische Gesellschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als auch auf den aktuellen Umgang Großbritanniens mit seiner imperialen Vergangenheit zutage. Anhand der ‚empire families’, - Dauermigranten zwischen Kolonie und Metropole und laut Buettner „perhaps most fully ‚at home’ on the ships travelling between the two“ (S. 251) -lässt sich die interaktive Dimension kolonialer Beziehungen in idealer Weise veranschaulichen. Besonders erfreulich ist, dass nicht nur die Perspektive der männlichen ‚empire builder’ sondern endlich auch diejenige von Frauen und Kindern mit dem von Buettner herangezogenen Quellenmaterial ‚zum Sprechen gebracht’ wird.

Buettners Praxis der ‚interactional history’ lässt sich bereits am Aufbau des Buches ablesen: die ersten beiden der fünf inhaltlichen Kapitel untersuchen die Lebenswelten der weißen Elite- und Mittelschichtfamilien in Indien, während die restlichen drei die Erfahrungen in England während Schulausbildung, Heimaturlaub oder nach der endgültigen Rückkehr thematisieren. Im Zentrum des ersten Kapitels steht neben der konkret geografischen und klimatischen auch die kulturelle Bedeutung des Raumes Indien für weiße Familien. Kolonialen Mythen zufolge war Indien als „inherently pathogenic environment“ (S. 29) insbesondere für europäische Kinder ein gänzlich ungeeigneter Lebensraum, da neben der klimabedingten Retardierung der physischen Entwicklung auch die ‚kulturelle Kontamination’ (S. 9) durch engen Kontakt mit indischen Dienstboten und Kindermädchen im Alltag die vermeintlich klaren Rassengrenzen zwischen Herrschern und Beherrschten aufzuweichen drohten (S. 37ff.). Die koloniale Ober- und Mittelschicht versuchte daher schon sehr früh, ihre Kinder wenn möglich zur schulischen Ausbildung nach England zu schicken. Vor allem bei weniger begüterten europäischen Familien konnte das Ideal der sozialen Distanz jedoch nur selten erreicht werden. In welchem Grad der Isolation man zu leben vermochte, war also letztlich eine Klassenfrage.

Solche Probleme der internen Stratifizierung der Kolonialgesellschaft im Spannungsfeld der Taxonomien von Rasse und Klasse und die Fragilität ‚rassischer' Demarkationslinien werden im folgenden Abschnitt über europäische Schulen in Britisch-Indien detaillierter untersucht. Gerade am unteren Spektrum der europäischen Gesellschaft waren verschiedene Formen von ‚going native’ an der Tagesordnung und die angestrebte Kongruenz zwischen weißer Hautfarbe und bestimmten sozialen und moralischen Attributen war nur sehr schwer herzustellen. Der Ruch der Zweitklassigkeit haftete Mädchen, die indische Schulen besuchten, dabei nicht in gleichem Maße an wie ihren männlichen Geschwistern. Es war allgemein akzeptiert, dass - angesichts der meist begrenzten Ressourcen der britisch-indischen Familien - primär Jungen in den Genuss einer kostspieligen Ausbildung im ‚Mutterland’ kamen. Gerade dieser Blick für solche geschlechtsspezifischen Differenzen gehört zu den Vorzügen von Buettners Arbeit.

Kapitel drei nun folgt den Kindern der kolonialen Oberschicht auf ihrem Weg in die Ausbildung nach England. Wie deutlich wird, brachte die Investition in einen europäischen Schulabschluss zwar einen Statusgewinn und bessere Berufschancen, war aber für die betroffenen Familien auch mit erheblichen finanziellen und emotionalen Belastungen verbunden, vor allem durch die häufige Trennung von Eltern und Kindern.

Wie die Ausbildung in Großbritannien konkret aussah, wird in der nächsten Sektion untersucht. Auch hier zeigt sich eine klassen- und geschlechtsspezifische Stratifizierung, die in ihrer Differenziertheit überrascht, etwa wenn einige Institutionen ihre Curricula bewusst von den bekannten public schools abgrenzten und sich somit an eine weniger elitäre und auch weniger zahlungskräftige Kundschaft richteten (S. 163ff.). Unabhängig von solchen Statusunterschieden beförderte der inselartige Charakter der Institutionen aber einen britisch-indischen esprit de corps und die Wahrscheinlichkeit, dass ihre AbsolventInnen sich für eine imperiale Karriere und den Verbleib in der Kolonie entschieden, war sehr hoch.

Das fünfte Kapitel ist treffend „From Somebodies to Nobodies“ betitelt und behandelt das Schicksal der Indienveteranen in ihrer fremd gewordenen Heimat. Für die meisten zeigte sich nur allzu bald, dass die Realität eines Lebens in Großbritannien stark von den in der Diaspora gehegten Fantasien abwich. Als besonders schmerzlich wurde der Statusverlust empfunden, der die meisten Indienveteranen in England erwartete. Nur die wenigsten vermochten den in der Kolonie gepflegten Lebensstandard zu halten (S. 204f.). Der Statusverlust besaß aber nicht nur eine ökonomische Dimension. Vielleicht schwerer noch war es zu akzeptieren, dass weiß zu sein nun nicht länger zu Privilegien berechtigte oder zumindest besondere Aufmerksamkeit auf sich zog (S. 198).

Die Heimkehrer reagierten unterschiedlich auf die neue Situation. Die meisten suchten in ausgewählten Gegenden Englands unter ihresgleichen zu bleiben und möglichst viel von ihrer hybriden britisch-indischen Lebenswelt zu bewahren. Der Stadtteil Bayswater in London, der Badeort Cheltenham oder auch Bedford in Mittelengland waren solche klassischen Siedlungsgebiete, in denen sich zahlreiche ‚old India hands’ niederließen.

Während die Mitglieder der ‚empire families’ somit in ihrer Heimatgesellschaft oftmals eine marginale Position einnahmen oder sich erneut in ein freiwilliges Exil begaben, hat es nach einer Phase der ‚historischen Amnesie' (S. 267) während der Auflösung des britischen Empire seit Mitte der 1970er-Jahre eine wahre Flut von Filmen, Hörspielen und Büchern gegeben, die die Rolle der Briten in Indien in einem positiven Licht darstellen und sich einer gewaltigen Popularität erfreuen. An einigen ausgewählten Beispielen demonstriert Buettner auf beeindruckende Weise, dass es wiederum meist Mitglieder der ‚empire families’ oder deren Nachkommen sind, die auf diese Art und Weise gleichzeitig das persönliche und das nationale Selbstwertgefühl wieder herstellen wollen.

Man darf annehmen, dass Buettners Buch für ein ungewöhnlich breites Leserspektrum eine wirkliche Bereicherung darstellt. Ihre elegant geschriebene Studie liefert einen wichtigen Beitrag sowohl zur Geschichte des kolonialen Indien als auch zur Kultur- und Sozialgeschichte Großbritanniens im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Es fällt schwer, bei einer insgesamt so gelungenen Arbeit Kritik anzubringen. Auf einige Wermutstropfen muss dennoch hingewiesen werden. Der erste Punkt bezieht sich auf den teilweise allzu anekdotischen Stil der Darstellung. Man kann sich an einigen Stellen des Eindrucks nicht erwehren, dass die Begeisterung für ihr Quellenmaterial mit der Autorin durchgeht, wenn sie sich in der detailreichen Schilderung von Einzelschicksalen verliert. Dies ist zwar mitunter etwas ermüdend, aber nicht wirklich störend. Schwerer wiegt dagegen ein inhaltlicher Mangel. Es ist zwar bedauerlich, aber noch halbwegs nachvollziehbar, dass die Kolonisierten bei einer Untersuchung der Lebenswelt europäischer Kolonialfamilien weitgehend ausgeblendet werden. Erklärungsbedürftig ist jedoch in jedem Falle die ausschließliche Fixierung auf die Ober- und Mitteschichten der weißen Kolonialgesellschaft. Die Indienerfahrungen von Briten aus der Arbeiterschicht - von denen ebenfalls Hunderttausende einen großen Teil ihres Lebens auf dem Subkontinent verbrachten - werden außen vor gelassen, und dies obwohl, wie die Autorin an einer Stelle selbst einräumt, durchaus entsprechendes Quellenmaterial vorhanden ist (S. 265). Hier existiert noch deutlicher Forschungsbedarf, und es bleibt zu hoffen, dass sich andere Historiker finden, die dieses von Buettner unbeackert gelassenes Feld bestellen. Trotz solcher Defizite bleibt Empire Families nicht nur ein überzeugendes Buch, dem man viele Leser wünscht, sondern auch ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie die ‚imperial history’ des 21. Jahrhunderts aussehen könnte.

Anmerkung:
1 Ferguson, Niall, Empire. How Britain Made the Modern World, London 2003; Judd, Denis, The Lion and the Tiger. The Rise and Fall of the British Raj, 1600-1947, Oxford 2004.

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Veröffentlicht am
27.05.2005
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