M. McCollough: Three Nations, One Place

Cover
Titel
Three Nations, One Place. Comparative Analyses of Comanche and Caddo Social Change During the Spanish Colonial Era, 1689-1821


Autor(en)
McCollough, Martha
Reihe
Native American Interdisciplinary Perspectives Series
Erschienen
New York 2004: Routledge
Anzahl Seiten
135 S.
Preis
50 Pfund
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Frank Usbeck, Institut für Amerikanistik, Universität Leipzig

Mit „Three Nations, One Place“ legt die Kulturanthropologin Martha McCollough ein Buch vor, das die Kolonialgeschichte im Süden der Great Plains von Nordamerika neu untersucht. Aufbauend auf ihren früheren Arbeiten über indianische Strategien zum Umgang mit kolonialer Expansion [1], vergleicht McCollough die Vorgehensweisen zweier indianischer Nationen durch Verknüpfung der drei modernern Theorien Sozialgeschichte, Regionalanalyse, und Theorie globaler Systeme. Damit wird eindrucksvoll dargelegt, wie zwei Gemeinschaften dieser Gegend aktiv mit der Penetration durch eine Kolonialmacht umgehen. Es wird ein vielschichtiges Bild entworfen, das auf dem besten Wege ist, weitere Zerrbilder innerhalb der teilweise schon recht ausgetreten wirkenden Pfade von „Indian Studies“ abzubauen, das aber auch neue Perspektiven für allgemeine Kolonialgeschichte aufzeigt.

Die Hauptaufgabe des Buches ist es, mittels dieser Verknüpfung der drei seit den 1980er Jahren entwickelten Ansätze das Verständnis von politischer Ökonomie der Plainskulturen zu modifizieren. Bisherige Modelle, so McCollough, haben verzerrte Bilder hervorgebracht: „Researchers who collapse the complexities of these shared histories into a descriptive account of specific events [...] often are trapped into giving too much emphasis to either colonial forces or local conditions“ (S. 6). McCollough bemängelt, dass im ersteren Falle indigene Gemeinschaften als irrelevant gegenüber einem allmächtigen einheitlichen Kolonialsystem erscheinen, im letzteren jedoch der Einfluss kolonialer Waren und Ideen auf diese Gruppen ebenso ignoriert wird wie die kontinuierliche gegenseitige Beeinflussung indigener Gruppen untereinander. Diese älteren Erklärungsmodelle werden am Anfang des Buches vorgestellt, kritisiert und im Folgenden durch das eigene Modell widerlegt. Comanche und Hasinais, so das Ergebnis der Arbeit, entwickelten unterschiedliche, flexible Strategien zum Umgang mit kolonialer Bedrohung, die auf ihren bisherigen nomadischen bzw. sesshaften Lebensweisen beruhen. McCollough konzentriert sich zur Unterstützung ihres Modells auf die Untersuchung spanischer Handelspolitik, wechselnder Allianzen von Comanche und Hasinais, deren Siedlungsorganisation und ihrer politischen Organisation vor dem Hintergrund globaler, regionaler, und mikrosoziologischer Analysen.

Im zweiten Kapitel wird den Lesern eine Kritik der bisher zum Verständnis der Plainskulturen herangezogenen theoretischen Ansätze präsentiert. Martha McCollough erläutert hier – zum Teil etwas zu ausführlich – die Stadien historischer Untersuchung und führt die Leser zu einem Verständnis, warum die Verknüpfung von globalem, regionalem und sozialem Ansatz die Handlungsspielräume der indigenen Gruppen besser verdeutlicht als bisherige Modelle. Sowohl Franz Boas’ historische Schule, als auch ökologische Modelle, aber auch ältere ökonomische Theorien sozialen Wandels vermittelten, so McCollough, den Eindruck statischer indigener Gemeinschaften, denen Flexibilität, Komplexität und Eigenständigkeit im Wesentlichen abgesprochen wurde.

Im Folgenden kontrastiert Martha McCollough die historischen Ansätze mit ihrer Kombination neuerer Modelle. Die Theorie globaler Systeme untersucht das Eindringen globaler Ökonomien in regionale politische Ökonomiesysteme. Martha McCollough argumentiert am Beispiel der Comanche, dass nicht nur Kapitalismus, sondern auch andere ökonomische Systeme zum Zweck des Austausches ihre Produktion steigern und damit in neue Gebiete expandieren und diese kontrollieren. Die heutige Forschung ist der Ansicht, dass soziale Strukturen nicht nur von dominanten externen Kernzonen kontrolliert werden, sondern dass Gemeinschaften gezielt versuchen, sich Penetration von außen nutzbar zu machen. Um die Struktur der politischen Ökonomie in den südlichen Plains zu erkennen, so McCollough, müssen die Zusammenhänge zwischen globaler Ökonomie, Spaniens Expansion in die Plains, und spanischer Kolonialwirtschaft berücksichtigt werden (S. 24).

Als Ergänzung zur globalen Perspektive wird die Regionalanalyse verstanden. Diese untersucht Topographie, Warenflüsse, sowie politische Organisation beteiligter Gruppen und versucht, das Auftreten von Mustern in der Struktur der Regionen zu erklären. Bezug nehmend auf Saussures Theorien zur Bedeutung von Zeichen zieht McCollough den Schluss, dass aus sozialgeschichtlicher Perspektive die kolonialisierten Gruppen Strategien entwickeln, um die Penetration durch äußere Kräfte im eigenen Weltbild zu vereinnahmen: „It is assumed that through culture a population can absorb alien conceptions, commodities, and people within its own logical system of order. Therefore, a community’s use of commodities should provide a window into that particular society’s unique cultural order“ (S. 28).

Kapitel 3 präsentiert eine Historiographie der beiden indigenen Gruppen. Martha McCollough porträtiert hier Zusammenhänge zwischen politischer Struktur der Comanche und Hasinais, ihrer Siedlungsmuster, und den regionalen wie globalen Wirtschaftssystemen.

In den folgenden Kapiteln wird die Anwendung der bislang erklärten Theorien auf die beiden indianischen Gemeinschaften fokusiert. Die Analyse globaler Systeme hilft den Lesern zu verstehen, wie Comanche und Hasinais durch Adaption ihrer politischen Strukturen und Subsistenzmuster die Entwicklung der Märkte in den Plains beeinflussten und somit einer Abhängigkeit von den Kolonialmächten zuvorzukommen suchten. Hierzu untersucht McCollough Spaniens Rolle als Kolonist, seine Stellung in der Weltwirtschaft, den Einsatz von Handelswaren in indigenen Netzwerken (z.B. Schusswaffen), sowie strategisch-politische Verschiebungen in der Organisation der indigenen Gruppen, um sich auf die Politik der Kolonialmächte einzustellen.

So war das spanische Interesse an den südlichen Plains zum einen durch die räumliche Abgrenzung zu konkurrierenden Kolonisten begründet, zum anderen durch das attraktive Wirtschaftspotenzial indianischer Gruppen (Sklaven, Pferde, Pelze). Der bisherige Stand der Forschung besagt, dass eine indigene Gruppe die Kolonialisierung vermeiden kann, wenn die Kolonialmacht in der betreffenden Region finanziell geschwächt oder in Konkurrenz mit anderen Mächten ist, während die indigene Nation entweder militärisch stark oder dezentral organisiert sein muss. McCollough findet all diese Bedingungen in ihrer Anwendung des Modells auf die südlichen Plains bestätigt (S. 117). Bezug nehmend auf Studien des Anthroplogen Thomas Hall legt McCollough dar, dass indigene Gruppen die koloniale Penetration zwar nicht kontrollieren können, aber aus der Abhängigkeit der Kolonialmacht von stabilen Handelsbeziehungen Vorteile ziehen [2]. Comanche und Hasinais profitierten sowohl von militärischer Schwäche der Spanier als auch von deren Konkurrenz mit Frankreich.

Martha McCollough teilt die Auffassung neuerer Untersuchungen in Regionalanalysen, dass – speziell bei nichtstaatlichen Gemeinschaften – Einflüsse von Hierarchien, religiösen Praktiken, sowie Allianzen zwischen den Gemeinschaften wichtige Faktoren zur Kontrolle eines Marktes darstellen. Sie stellt fest, dass die Comanche durch nomadische Lebensweise jeglichen Dominierungsversuchen Spaniens entgingen, während die sesshaften Hasinais –nachdem Frankreich als Machtfaktor ausfiel – ihre politische Organisation dezentralisierten, um wirtschaftlich wie militärisch flexibler zu sein. McCollough bezieht sich auch auf neuere Untersuchungen zur Spezialisierung einer Gruppe auf Überschussproduktion (manche Comanche-Abteilungen konzentrierten sich auf Raubüberfälle, andere handelten die geraubten Waren) bzw. wechselnde Allianzen, um Zugang zu Waren und Marktsegmenten zu erlangen bzw. zu sichern. In diesem Kapitel gibt Martha McCollough auch eine chronologische Übersicht zu Allianzen und Siedlungsstrukturen der Comanche und Hasinaisgemeinschaften, sowie deren Vor- und Nachteilen.

Auch in der Besprechung eines sozialgeschichtlichen Ansatzes bezieht Martha McCollough sich stark auf Forschung der letzten zwei Jahrzehnte, die zunehmend die dynamischen Kräfte indigener Gemeinschaften anerkennt [3]. Hier geht sie besonders auf die konstatierte „prozessuale Natur“ von Feuerwaffen und Pferden als Handelswaren auf mikrosoziologischer Ebene ein und stellt dar, wie die Notwendigkeit, Zugang zu solchen Waren zu erhalten, Verschiebungen in politischer Struktur und Wirtschaft der Comanche wie der Hasinais hervorrief (S. 92ff). Die Comanche setzten auf Mobilität und Expansion, und verkauften von Spaniern geraubte Pferde an französische Händler. Die Hasinais hingegen intensivierten ihre landwirtschaftliche Produktion, wurden aber wegen der Überflutung des Marktes durch euroamerikanische Produkte schnell marginalisiert – auch weil ihre zentrale Siedlungsstruktur sie verwundbar für Feinde und Epidemien machte.

McColloughs Kombination von globalen, regionalen und mikrosoziologischen Ansätzen hilft, den Umgang mit Kolonialgeschichte weiter zu modifizieren. Sie erleichtert nicht nur das Verständnis der Geschichte von Plainsgemeinschaften, sie ermöglicht auch ihre Anwendung auf andere Regionen und Zeiträume, was die eigentliche Bedeutung dieser Studie ausmacht.

[1] McCollough, Martha, Political Decentralization as a Strategy to maintain Sovereignty. An Example from the Hasinais during the 1700s, in: Plains Anthropologist 46(2001)177, S. 305-322; Dies., Reasons for the Marginal Incorporation of the Comanches by the Spanish, in: Great Plains Research 12(2002)2, S. 369-383.
[2] Hall, Thomas, World-Systems and Evolution. An Appraisal, in: Kardulias, Nick P. (Hg.), World Systems Theory in Practice. Leadership, Production, and Exchange, New York 1999, S. 1-24.
[3] u. a. Hämäläinen, Pekka, The Comanche Empire. A Study of Indigenous Power, 1700-1875, Helsinki 2001.

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Veröffentlicht am
25.02.2005
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