W. Thompson: Postmodernism and History

Titel
Postmodernism and History.


Autor(en)
Thompson, Willie
Reihe
Theory and History Series
Erschienen
Houndmills, Basingstoke (Hampshire) 2004: Palgrave Macmillan
Anzahl Seiten
161 S.
Preis
17,95 $
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Roland Ludwig, Maintal

Nach Perry Andersons´ The Origins of Postmodernity (London 1998), Alex Callinicos´ Against Postmodernism: A Marxist Critique (Cambridge 1989), Richard Evans´ In Defence of History (London 1997) und Bryan Palmers´ Descent into Discourse: The Reification of Language and the Writing of History (Philadelphia 1990) ist in der beachtenswerten Reihe “Theory and History” bei Palgrave eine weitere wichtige englischsprachige Auseinandersetzung mit dem Postmodernismus (und seiner Bedeutung für die Geschichtswissenschaft) erschienen. Willie Thompson hat mit Postmodernism and History mehr als eine nur zusammenfassende Einführung in die Thematik geschrieben: Gestützt auf den geschichtstheoretischen Diskurs im englisch- und französischsprachigen Raum hat er eine durchaus eigenständige Kritik am postmodernen Umgang mit der Historiographie vorgelegt. Im Grunde genommen hält Thompson wenig von der postmodernen (und poststrukturalistischen) Geschichtswissenschaft, wenn er auch mancher ihrer Einsichten beipflichtet bzw. diese für bedenkenswert erachtet.
Dabei taugen die postmodernen (poststrukturalistischen) Konzepte recht selten für gute Geschichtsschreibung : „I argue that although its historian adherents when they have written good history have mostly done so in spite of their intellectual commitment, at times they have done so because of it“ (S. IX).

Michel Foucaults Werk, das eine Reihe postmoderner Ideen und Konzepte anregte, wird von Thompson breit behandelt, ebenso Jacques Derrida, Jean-Francois Lyotard und andere poststrukturalistische Denker. Hayden Whites „Emplotment“-Begriff, der die “Fiktion des Faktischen“ als Strategie der Historiker umschreibt, wird von Thompson am Beispiel verschiedener historischer Werke überprüft, mit dem Ergebnis, dass Whites Kategorien als nicht durchgängig brauchbar und nicht immer wertvoll kritisiert werden, zumal Whites Ausführungen rein äußerlich sind und über die inhaltlichen Fragen der Arbeit der Historiker hinweggehen.

Wichtig sind die Passagen des Buches, die sich mit Entwicklungen in der britischen Geschichtswissenschaft (vornehmlich der Sozialgeschichte) beschäftigen. Die sich teilweise auf E. P. Thompson berufenden Historiker, die die Formation der englischen Arbeiterklasse aus speziellen, meist aus politisch inspirierten Diskursen und nicht aus angeblich irrelevanten ökonomischen und sozialen Verhältnissen erklären, entwickelten den Ansatz des „kulturalistischen“ Marxismus zu einer Attacke auf die Relevanz des Klassenkonzeptes. Gareth Stedman Jones, Patrick Joyce und James Vernon - vom „linguistic turn“ beeinflusst – haben sich der Geschichte des Chartismus und der Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts gewidmet und wichtige Beiträge zur empirischen Erforschung der Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts geleistet. Gleichzeitig haben sie aber die materielle und soziale Realität und die bedrückenden Arbeits- und Lebenserfahrungen der von Lohnarbeit abhängigen Menschen weitgehend ignoriert. Die völlige Loslösung von gesellschaftlicher Struktur bringt ein Zitat der Position von Patrick Joyce zum Ausdruck:
„A recognition of the irreducibly discursive character of the social undermines the idea of social totality. There is no over-arching coherence evident in either the polity, the economy or the social system. What there are are instances (texts, events, ideas and so on) that have social contexts that are essential to their meaning, but there is no underlying structure to which they can be referred as expressions or effects. Thus with the notion of social totality goes the notion of social determination, so central to `social history´” (Patrick Joyce, History and Post-Modernism, in Past & Present, Nr. 133, November 1991, S. 205)

Anders Willie Thompson: Historische Realität ist seiner Ansicht nach trotz aller Bedenken aus den Kreisen postmoderner Denker noch immer zentral für das Erkenntnisinteresse: Für das Verhältnis zwischen Realität und Sprache besteht laut Thompson, der hier die traditionelle marxistische Terminologie bemüht, „a dialectic .... - they work to constitute each other, and that is how historical change and development occurs, but non-linguistic reality is the primary term of the relationship“ (S. 127).
Die Frage ob Objekte, Ereignisse und Prozesse für den Menschen erst in ihrer konzeptualisierten Form, d. h. in Sprache, Bedeutung erhalten, verneint Thompson eindeutig. Die Macht der Realität belegt er mit drastischen Beispielen aus dem Alltagsleben.

Zu Thompsons Beschreibung der britischen (und Commonwealth-) Debatte gehören auch die Ausführungen zur postkolonialen Theoriebildung mit ihrer subversiven Verweigerung des imperialen Diskurses.

Thompson gesteht den postmodernen Einflüssen in der Geschichtswissenschaft neben neuen Einsichten eine Erweiterung des Rahmens der historischen Forschung zu. Auch gehört zu ihren Stärken die Erhellung des teleologischen Gehalts bestimmter „metanarratives“ oder „master narratives“ (der von Jean-Francois Lyotard geprägte Begriff der „großen Erzählung“ oder „Meistererzählung“) vieler (nicht aller) marxistischer Historiker, aber auch vieler Historiker, die den wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt ins Zentrum ihrer Überlegungen rücken. Vor allem der Universalismus der Aufklärung, der auch eine theoretische Rechtfertigung für die Zurückdrängung und Zerschlagung von Minderheitenkulturen bot, wurde von postmodernen Autoren als „große Erzählung“ des Fortschritts ausgemacht – nach Thompson ist das aber eine groteske Karikatur.

Die postmoderne Konzentration auf Sprache lenkt die Aufmerksamkeit vom realen Leid und der Unterdrückung der Masse der Menschen ab. An dessen Stelle treten intellektuelle Probleme, die dem Akademiker, der sowieso mit der Lektüre von Texten zu tun hat, näherliegend scheinen. Thompsons Kritik an der postmodernen Einseitigkeit ist hier - ähnlich wie die von Evans - unzweideutig.
Was bei Thompson etwas zu kurz kommt, ist die Frage der Wahrnehmung und der Kulturgeschichte, die dem sozioökonomischen Determinismus und Reduktionismus entgegenwirken.

Das Buch wird ergänzt durch akzentuiert gesetzte Leseempfehlungen und ein Glossar zentraler Begriffe und einiger (weniger) bedeutender Soziologen und Philosophen.

Leider liegt von den anfangs genannten Büchern bislang nur der Band von Evans (dt.: Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt am Main 1998) in einer deutschen Übersetzung vor. Evans ist unter deutschen Historikern bekannt und anerkannt. Es ist zu hoffen, dass Thompsons für den englischsprachigen Markt geschriebenes Buch eine ähnliche Resonanz im deutschen Sprachraum erfahren wird.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.04.2005
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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