S. Miles: Engaging the Evil Empire

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Title
Engaging the Evil Empire. Washington, Moscow, and the Beginning of the End of the Cold War


Author(s)
Miles, Simon
Published
Extent
231 S.
Price
$ 34.95; € 33,80
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Andreas Etges, Amerika-Institut, Ludwig-Maximilians-Universität München

Lange Zeit galt Ronald Reagan als Lichtgestalt der Republikanischen Partei. Der US-Präsident hatte innenpolitische Kernforderungen der Partei umgesetzt: die Einschränkung der Befugnisse von Bundesbehörden, Deregulierung und Steuersenkungen. Aber mehr noch wurde er für seine außenpolitischen Erfolge gefeiert. Für konservative Publizisten wie Peter Schweizer war Reagan der große Held: Er habe über Jahrzehnte an einem Plan gearbeitet, den Untergang der Sowjetunion herbeizuführen. Als Präsident habe er diesen dann im Detail umgesetzt und so den Kalten Krieg für den Westen gewonnen.[1]

Dieser amerikanische Triumphalism ist nicht erst in der jüngsten Geschichtsschreibung in die Kritik geraten. Aber das aus Sicht der Zeitgenossen völlig überraschende und unblutige Ende des Kalten Krieges und die Rolle, die Präsident Reagan dabei gespielt hat, sind zurecht weiterhin Gegenstand der historischen Forschung. Mit „Engaging the Evil Empire“ liegt ein wichtiger neuer Beitrag zu dieser Debatte vor, der das schnelle und friedliche Ende des Kalten Krieges und die „deep roots of that transformation“ (S. 3) besser verstehen will. In der Forschung wird der Blick meist auf die Jahre nach 1985 gerichtet, also auf die Zeit, seit Michail Gorbatschow an der Spitze der Kommunistischen Partei der Sowjetunion stand.[2] Dagegen betont der US-amerikanische Historiker Simon Miles in der auf seiner Doktorarbeit basierenden Studie die Bedeutung der ersten Hälfte der 1980er-Jahre. In dieser Zeit habe der Kalte Krieg sich in zweierlei Hinsicht fundamental verändert: Die öffentliche Wahrnehmung des Machtgleichgewichts zwischen den Großmächten habe sich erneut zu einer Betonung der amerikanischen Überlegenheit verschoben. Das habe zweitens einen offenen Dialog der beiden Supermächte ermöglicht. Miles bescheinigt Reagan, eine „dual-track grand strategy“ (S. 4) aus Zuckerbrot und Peitsche verfolgt zu haben. Sie umfasste einerseits ein Verhandlungsangebot, andererseits ein massives Aufrüstungsprogramm, um so aus einer Position der Stärke heraus – „peace through strength“ (Reagan) – einen besseren Deal am Verhandlungstisch erreichen zu können.

Miles belegt ausführlich, dass es auch auf sowjetischer Seite eine „grand strategy“ gab, die auf den Abbau der Spannungen mit den USA zielte, um auf diese Weise mehr Ressourcen in die Lösung heimischer wirtschaftlicher, sozialer und politischer Probleme investieren zu können. Diese Entwicklung begann – und das ist wohl das wichtigste Ergebnis seiner Forschungen – nicht erst mit Gorbatschow, sondern unter seinen drei Vorgängern Leonid Breschnew, Juri Andropow und Konstantin Tschernenko. Weder die sowjetischen Führer noch Präsident Reagan zielten damit jedoch auf ein Ende des Kalten Krieges, sondern blieben der Blockkonfrontation verhaftet. Zudem betrachteten beide Seiten ihre eigene Politik als defensiv, jeden Schritt der anderen Seite werteten sie jedoch als bedrohlich. In der US-amerikanischen wie der sowjetischen Führung gab es interne Kontroversen über den richtigen Kurs. Im Kreml sieht Miles den mächtigen Außenminister Andrei Gromyko, der von 1957 bis 1985 amtierte und von 1985 bis 1988 zudem formelles Staatsoberhaupt war, als „Bremser“. Er habe verhindert, dass es bereits in der nur 13-monatigen Amtszeit des gesundheitlich angeschlagenen Tschernenko zu einer Annäherung mit den USA kam. Das gelang erst zwischen Reagan und Gorbatschow – im Modus „partners and rivals“ (S. 129).

Die Studie von Miles ist das Ergebnis einer beeindruckenden Forschung in zahlreichen Archiven in Ost- und Westeuropa sowie den USA. Das Ergebnis findet sich auf 139 eng bedruckten Textseiten, gefolgt von 60 weiteren Seiten an Fußnoten. Die extreme Komprimierung ist einer der Schwachpunkte der Darstellung, die an vielen Punkten leider zu knapp ist, komplexe Sachverhalte nur andeutet und ihre Thesen oftmals nur in vereinzelten Sätzen darlegt. Dieser Eindruck beginnt mit der viel zu knappen Auseinandersetzung mit der Historiographie in Kapitel 1. Dies wird auch im Hauptteil nicht nachgeholt, wo die Fußnoten vor allem aus Nachweisen von Primärquellen bestehen. Damit suggeriert der Autor, dass seine gesamte Darstellung auf eigener Forschung beruht, auch wenn das Geschilderte bereits aus der Sekundärliteratur bekannt ist. Zudem zitiert Miles zu wenig aus seinem umfassenden Quellenapparat; es fehlen oft Informationen zu den Autoren, zum Kontext und zu der Bedeutung eines Dokuments.

Dazu ein Beispiel: Miles schreibt, dass das US-Geheimdienstwesen angesichts der militärischen Aufrüstung der Sowjetunion Anfang der 1980er-Jahre zu dem Schluss habe kommen müssen, „that the Soviet Union sought superiority in order to fight and win a nuclear war. It was right.“ (S. 13) Und damit endet der entsprechende Absatz. In der zugehörigen Fußnote zum letzten Satz werden ein Interview mit dem ehemaligen sowjetischen Offizier Victor Esin aus dem Jahr 2007 und eine für die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) erstellte „Stenographische Niederschrift der Tagung des Politischen Beratenden Ausschusses der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages am 14. und 15. Mai 1980 in Warschau“ genannt. Wer Esin ist, muss man selbst recherchieren. Er wird erst viele Seiten später ein einziges Mal im Haupttext erwähnt. Und die Bedeutung und Autorität des „Politischen Beratenden Ausschusses“ wird nicht erläutert. Die Leser erfahren nur, dass Miles in den beiden Dokumenten die Bestätigung für die These der US-Geheimdienste sieht. Doch weder zitiert er aus den Quellen, noch fasst er sie zusammen. Das soll nicht bedeuten, dass seine Interpretation grundsätzlich falsch ist, aber in einem Buch, das neue Forschungsergebnisse belegen will, können die Belege nicht so dürftig präsentiert werden.

Miles gehört sicherlich nicht zur triumphalistischen Schule, aber auch in seiner Studie erhält der US-Präsident viel Lob: “Reagan did a great deal right – especially when it came to US-Soviet relations“ (S. 132). Das friedliche Ende des Kalten Kriegs sei keinesfalls vorgegeben gewesen, so Miles zu Recht, doch Reagan erscheint als der wichtigste Akteur. Das deutet auch der erste Teil des Buchtitels an: „Engaging the Evil Empire“. Diese Ausrichtung irritiert, gerade weil der Autor mit seiner so breit angelegten Archivforschung vor allem auch die sowjetische Perspektive stärker berücksichtigen wollte. Doch die Führung der Sowjetunion und Gorbatschow erscheinen immer wieder als Akteure, die weniger agieren als reagieren: auf die USA und auf Kräfte im eigenen Land. Die sowjetischen Führer waren zwar bereit für Verhandlungen, aber es war Reagan, so Miles, der eine offene Tür in der Sowjetunion aufgestoßen habe. Doch inwieweit haben dessen Aufrüstungspolitik und seine antikommunistische Rhetorik es beispielsweise Andrei Gromyko ermöglicht, so lange einflussreich zu bleiben und einen früheren entspannungspolitischen Kurs in der Sowjetunion zu verhindern?

„Engaging the Evil Empire“ ist eine wichtige, lesenswerte und äußerst anregende Studie, die den Blick zurecht auf die bislang zu wenig erforschten frühen 1980er-Jahre im sowjetisch-amerikanischen Verhältnis richtet. Doch die Forschungsleistung von Simon Miles hätte es verdient, sich auf deutlich mehr Textseiten zu entfalten.

Anmerkungen:
[1] Peter Schweizer, Reagan's War. The Epic Story of His Forty-Year Struggle and Final Triumph over Communism, New York 2002.
[2] Siehe etwa die Beiträge in Melvyn P. Leffler / Odd Arne Westad (Hrsg.), The Cambridge History of the Cold War, Bd. 3: Endings, Cambridge 2010; und Svetlana Savranskaya / Thomas Blanton / Vladislav Zubok (Hrsg.), Masterpieces of History. The Peaceful End of the Cold War in Europe, 1989, Budapest 2010.

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16.04.2021
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