S. Scholl: Geographien des Protests

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Title
Geographien des Protests. Eine räumliche Analyse der »Movimiento por la Paz con Justicia y Dignidad« in Mexiko


Author(s)
Scholl, Sebastian
Series
Sozial- und Kulturgeographie
Extent
322 S.
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Anne Köllner, Institut für Geographie, Universität Leipzig

Wie und wozu nutzen soziale Bewegungen „Raum“? Dieser Frage geht der Humangeograph Sebastian Scholl in diesem Buch nach. Die Dissertationsschrift stellt die mexikanische Protestbewegung ‚Movimento por la Paz con Justicia y Dignidad‘ (MPJD, zu Deutsch: Bewegung für Frieden mit Gerechtigkeit und Würde) in den Mittelpunkt. Sie bildete sich 2011 als Reaktion auf die allgegenwärtig hohe und steigende Zahl von Opfern drogenbezogener Gewalt in Mexiko, die auch Ergebnis des staatlichen „Krieges gegen die organisierte Kriminalität“ (S. 19) war und ist. Konkret widmete sich die MPJD der „gesellschaftliche[n] Anerkennung und Sichtbarmachung der menschlichen Schicksale der drogenbezogenen Gewaltopfer Mexikos“ sowie der Initiierung und Artikulation einer „im Vergleich zum Regierungsdiskurs differenziertere[n] gesellschaftliche[n] Debatte über die Ursachen und den politischen Umgang mit der drogenbezogenen Gewaltlage“ (S. 18).

Scholl zeigt auf, wie die MPJD über Jahre hinweg versuchte, den entmenschlichten Regierungsdiskurs umzudeuten und die Opfer der Gewalt in den Mittelpunkt zu stellen. Sein Fokus liegt dabei vor allem auf dem Versuch, jene Strukturierungen herauszuarbeiten, die sich für die Arbeit der MPJD in raumbezogener Hinsicht ergaben: Auf welche Weise versuchte die MJPD – mit Hilfe räumlicher Bezüge – die Bewegung nach innen zu einen und nach außen anschlussfähig zu machen? Um dies herauszuarbeiten, widmet sich Scholl einerseits den konkreten Protestereignissen der Bewegung, den sogenannten Karawanen, die mit einer temporären Besetzung und Aneignung öffentlicher Räume einhergehen. Andererseits und hauptsächlich richtet sich Scholls Interesse aber darauf, wie sich die inhaltliche Arbeit der MPJD abseits der Protestereignisse, in latenten Bewegungsphasen, strukturiert. Einem ethnographischen Forschungsdesign folgend, kombiniert die Arbeit dabei mehrere Erhebungsmethoden: teilnehmende Beobachtungen, Experten- bzw. problemzentrierte Interviews sowie Dokumentenanalyse.

Konzeptionell schließt Scholl an die Theorie sozialer Systeme an und versteht Raum damit als Element sozialer Kommunikation. Dieser Zugang wird genutzt, um „spezifische Kommunikationen und Handlungen wahrscheinlicher bzw. unwahrscheinlicher zu machen“ (S. 68). Zusätzlich werden zentrale Aspekte des in der Bewegungsforschung etablierten Framing-Ansatzes in die Arbeit eingebunden, um der Beschaffenheit der raumbezogenen Strukturierung nachzugehen. Dabei identifiziert und diskutiert Scholl zwei Raumformen, die er in einem dualen Raumverständnis verbindet. Unter der ersten Raumform („Raum[1]“) versteht er ein materiell bedeutsames Element für Kommunikation – wie beispielsweise die physischen Dimensionen des öffentlichen Raums mit ihren Protest-ermöglichenden Eigenschaften. Als zweite Raumform („Raum[2]“) wird Kommunikation über die Materialität des Raumes betrachtet – dies bezieht sich auf raumbezogene Ordnungsrahmen, mit denen Komplexität reduziert werden kann.

Für die MPJD bestand ein wesentlicher Ordnungsrahmen in dem Versuch, die Gewaltsituation in Mexiko als „emergencia nacional“ (nationale Notlage) (S. 19) zu rahmen. So entstand eine kollektiv geteilte, raumbezogene Vision zur Deutung der drogenbezogenen Gewaltlage: „Mit dem Appell an die Nation rekurrierte die MPJD auf ein Konzept, das in der Perspektive eines kommunikativ hergestellten, gedanklichen Konstrukts, die Imagination einer breiten (Solidar-)Gemeinschaft ermöglichte“ (S. 273).

In der Herausarbeitung dieses raumbezogenen Ordnungsrahmens liegt die wesentliche Stärke des Buches, insbesondere vor dem Hintergrund, dass es gerade in solchen Phasen der MPJD ansetzt, die zwischen konkreten Protestereignissen liegen. Dass diese latenten Bereiche sozialer Bewegungen in der geographischen Bewegungsforschung bisher weitgehend unbeachtet blieben, führt Sebastian Scholl im einleitenden Teil seiner Arbeit aus. Neben dieser Lücke stellt der Autor heraus, dass bisher zu selten die Bedeutung verschiedener Raumformen verschränkt betrachtet worden ist. Diesen beiden Forschungslücken geht er nach, indem er den Fokus auf latente Protestphasen legt und das bereits erwähnte duale Raumverständnis entwickelt. Auf Basis seines übersichtlichen und klar geordneten Forschungsstandes gelingt ihm dabei gleichzeitig eine umfassende und fundierte Einführung in das Thema ‚geographische Bewegungsforschung‘.

Im einleitenden Teil der Arbeit verwendet Scholl zur Darstellung bisher erhobener Bedeutungen von Raum für Proteste und Soziale Bewegungen Formulierung wie „Leistung der Raumform“ (S. 36) oder die „spezifischen Leistungen von Raum“ (S. 47). Diese Ausdrücke sind durch die konzeptionelle Fundierung seiner Arbeit gerechtfertigt, erwecken aber, bezogen auf das Forschungsfeld insgesamt – das mehrheitlich gerade nicht in der Theorie sozialer Systeme verhaftet ist – einen unnötig deterministischen Eindruck, indem der Rahmung von Räumen eine klare Zweckbindung zugeschrieben wird. Zwar bemüht sich Scholl, diesen Eindruck auszuräumen, beispielsweise mit konkreten Bezügen auf die Sozialgeographie nach dem cultural turn, dennoch erscheinen mir manche Formulierungen in diesem konkreten Abschnitt überdenkenswert.

Die Literatur- und Begriffsarbeit der Monographie ist umfangreich und sehr gut strukturiert: Im zweiten Kapitel könnte aus meiner Sicht bei der Herleitung des zentralen Begriffs „Protestbewegung“ (S. 64) aus den Begriffen ‚Protest‘ und ‚Soziale Bewegung‘ dennoch die Einbindung des etablierten Konzepts der contentious politics eine gute Ergänzung bieten, um aufzuzeigen, dass und wie Widerstand in der Sozialen Bewegungsforschung auch auf einer allgemeineren Ebene adressiert wird. [1] Der Begriff contentious politics soll die Vielfalt widerständiger Praktiken würdigen und den Blick von den Formen, Subjekten und Objekten des Widerstands hinleiten zu den Mechanismen, die widerständige Praktiken – seien es Streiks, Aufstände, Revolutionen oder eben Proteste – verbinden.[2] Dies erscheint eine wesentliche Parallele zu Scholls Anliegen, die Arbeit der MPJD gerade abseits der konkreten Protestereignisse zu untersuchen.

Wesentliches Merkmal der Arbeit von Sebastian Scholl ist ihre Tiefe und Durchdachtheit, die sich auch im Abschnitt zu Methodologie und Methodik zeigt. Hier integriert er eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Begriffen Ethnographie und Triangulation (S. 119ff.). Die methodischen Ableitungen aus den methodologischen Überlegungen sind stets nachvollziehbar und transparent.

Ebenfalls ausführlich und nuanciert gestaltet sich das Auswertungskapitel, in welchem die latenten Protestphasen auf die „Führungswirkungen“ (S. 217) der ‚nationale Notlage‘ hin untersucht werden. Insgesamt werden 17 Dimensionen vorgestellt und beschrieben, die zur Definition und Deutung der raumbezogenen Rahmung ‚nationale Notlage‘ beitragen. Der deskriptive Teil überwiegt deutlich den analytischen Part. Obwohl Scholl ausführt, dass „mit einer alleinigen deskriptiven Darstellung gerade auch der Blick auf die protestspezifischen Funktionsweisen des Raums[2] verwehrt“ (S. 217) wird, ist der Bezug zur Deutung und Strukturierung von Raum nicht immer gegeben. Eine solch ausführliche Deskription der inhaltlichen Dimensionen erschwert es teilweise, das spezifische Anliegen der Arbeit im Blick zu behalten. Tatsächlich wird erst in Kapitel 7 – gute 130 Seiten nach Beginn des Auswertungskapitels – zu den latenten Protestphasen die eingangs formulierte Frage (S. 50) beantwortet, wie soziale Bewegungen „Raum“ zur Strukturierung ihrer Aktivitäten nutzen (S. 272ff.). Diese Antwort ist äußerst lesenswert und pointiert. Neben dem Verweis auf die Imagination einer breiten (Solidar-)Gemeinschaft durch den Bezug auf die ‚nationale Notlage‘ erläutert Scholl, wie es der MPJD gelang, durch die räumlichen Bezüge Komplexität zu verringern, eindeutige Adressierbarkeiten, Vergleichbarkeiten und Zusammenhänge herzustellen und so eine alltagsweltliche Anbindung und Identifikation mit der Protestkommunikation zu generieren. Auf diese Weise trugen die Bezüge auf die räumliche Rahmung maßgeblich zur Mobilisierung der Protestbewegung bei.

Insgesamt gelingt Sebastian Scholl eine spannende Analyse, die wichtige offene Fragen im Feld der geographischen Bewegungsforschung angeht. Verstanden als erster Schritt hin zu einer stärkeren Fokussierung raumbezogener Forschung auf latente Phasen von Widerstand, liefert Scholl neben einem fundiert erarbeiteten Zugang zum Themenfeld, eine überzeugende Konzeption sowie eine schlüssige empirische Umsetzung. Auch wenn die Arbeit in der ausführlichen deskriptiven Widergabe der inhaltlichen Details der als nationale Notlage verstandenen Rahmung Längen aufweist, ist das Buch Geographien des Protests sehr lesenswert und liefert neue und wichtige Einsichten für die noch junge geographische Bewegungsforschung.

Anmerkungen:
[1] Helga Leitner u.a., The Spatialities of Contentious Politics, in: Transactions of the Institute of British Geographers 33 (2008), S. 157–172; Deborah G. Martin, Place Frames. Analysing Practice and Production of Place in Contentious Politics, in: Byron Miller u.a. (Hrsg.), Spaces of Contention, Ashgate 2013 http://www.myilibrary.com?ID=506672 (Zugriff 12.1.2016).; Sidney Tarrow, „Contentious Politics”, in: Donatella Della Porta/Mario Diani (Hrsg.), The Oxford Handbook of Social Movements (2014) DOI: 10.1093/oxfordhb/9780199678402.013.8.
[2] Tarrow, 2014, S. 1.

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24.09.2021
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