I. Löhr: Globale Bildungsmobilität 1850–1930

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Titel
Globale Bildungsmobilität 1850–1930. Von der Bekehrung der Welt zur globalen studentischen Gemeinschaft


Autor(en)
Löhr, Isabella
Reihe
Moderne europäische Geschichte (21)
Erschienen
Göttingen 2021: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
413 S.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für Connections. A Journal for Historians and Area Specialists von
Marino Ferri, Historisches Seminar, Universität Luzern

Die gemeinsame Bibellektüre und das individuelle Bekehrungserlebnis sind an den europäischen Universitäten der Gegenwart kaum mehr präsent. Das war nicht immer so, wie Isabella Löhrs Habilitationsschrift „Globale Bildungsmobilität“ vor Augen führt. Im Mittelpunkt der Studie steht der Christliche Studentenweltbund, eine 1895 gegründete Organisation, deren ideologische Basis im protestantischen Internationalismus lag. Als studentische Missionsbewegung verfolgte sie das unbescheidene Ziel, die Welt zu bekehren. Sie war bestrebt, einen globalen Handlungsraum zu erschliessen, ohne sich einer imperialistischen „Unterwerfungs- und Zivilisierungsrhetorik“ (S. 150) zu bedienen, die selbst innerhalb der protestantischen Mission umstritten war. Das Thema Bildungsmobilität eignete sich für dieses Unterfangen ausgezeichnet: Es war um die Jahrhundertwende en vogue und eröffnete vielfältige transregionale Handlungsspielräume. Gleichzeitig umfasste es nicht nur das positiv konnotierte Auslandstudium, sondern auch die von massenhafter Flucht- und Vertreibungserfahrung geprägte studentische Mobilität. Isabella Löhrs Studie untersucht den Wandel dieses weltumspannenden Tätigkeitsfelds und der ihm zugehörigen Imaginationen von Globalität im Studentenweltbund während vier Dekaden bis ans Ende der 1920er-Jahre. Das erste der drei chronologisch geordneten Kapitel behandelt die Anfangsjahre in der missionarisch geprägten Belle Époque; das zweite den Wandel der protestantischen Studierendenbewegung im „langen“ Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1925; das dritte die hindernisreiche Metamorphose zum „Weltstudentenwerk“, das sich am Ideal einer globalen studentischen Solidargemeinschaft orientierte. Inhaltlich lässt sich die Entwicklung folgendermassen zuspitzen: von der Evangelisationsmaxime über die humanitäre Aktion hin zu säkulareren Leitbildern.

Anfang des 20. Jahrhunderts war der Christliche Studentenweltbund eine ungemein erfolgreiche Organisation. Mit annähernd 180.000 Mitgliedern gehörte er am Vorabend des Ersten Weltkriegs gar zu den mitgliederstärksten internationalen Bewegungen der Welt. An seinem Beispiel leistet die Autorin eine anregende Zusammenschau von Religion als gesellschaftlich transformative Kraft und von der Universität als Trägerin gewichtiger Modernisierungsversprechen. Der hohe Stellenwert studentischer Mobilität stellte den Bund vor die Herausforderung, sein simples theologisches Weltverständnis mit einer deutlich vielschichtigeren Praxis in zeittypischen globalen „Organisations- und Handlungsstrukturen“ (S. 151) zu vereinen. Isabella Löhr verfolgt den Ansatz, dieses weltweite Ausgreifen anhand lokaler Manifestationen nachzuzeichnen. Das ist methodisch plausibel und bietet den Vorteil detaillierter, mit grossem Gewinn zu lesender Fallbeispiele. Denn gemeinsame Bibellektüre und individuelle Bekehrung vollzogen sich nie in abstrakten globalen Imaginationsräumen, sondern an konkreten Orten wie den studentischen Foyers, die der Bund nach der Jahrhundertwende einzurichten begann. Die Bekehrung der Welt bestand nicht bloss aus Symbolik und Appell, sondern aus handfester Infrastruktur, deren Entstehung sich an Geldflüssen, Migrationen und Materialitäten ablesen lässt.

Der Erste Weltkrieg und seine Folgekrisen stellten Ideologien und Infrastrukturen vor eine Zerreissprobe und läuteten eine humanitäre Wende ein: Langfristig schwächte der Krieg im Studentenweltbund und den nationalen protestantischen Studierendenbewegungen die ideologische Engführung auf die Evangelisation, stärkte aber die Relevanz der Versorgung mit alltäglichen Gütern wie Kleider, Nahrungsmittel, Medikamente, Betten und Bücher. Anstatt in einen nationalistisch-patriotischen Partikularismus zu verfallen, wandten sich viele nationale Bewegungen der (vermeintlichen) Neutralität und der studentischen Solidarisierung zu. Vormals religiös geprägte Mobilisierungsformen wurden allmählich in diesem Sinne umgewertet. So wurde die Spende mithin nicht mehr als Aufgabe des Glaubens gerahmt, sondern als solidarischer Akt gegenüber einer als „gesellschaftliche Hoffnungsträger“ inszenierten globalen studentischen Gemeinschaft (S. 297).

Inbegriff des Wandels ist das 1920 etablierte, eigenständige Programm der „Europäischen Studentenhilfe“. Es folgte keinem doktrinären Masterplan, sondern leistete Einsätze, die sich an den Möglichkeiten vor Ort orientierten, von „alltäglichen Überforderungen“ (S. 211) geprägt waren und einen schmalen Grat zwischen Konkurrenz und Kooperation mit Regierungen, Hochschulen und anderen Organisationen bewanderten. Löhr führt diese Entwicklungen in einem dreissigseitigen Unterkapitel zur Hungerhilfe für Sowjetrussland 1921 exemplarisch und detailreich vor. Das Beispiel zeugt auch davon, dass entscheidende Impulse auf die Formierung des globalen Handlungsraums Bildungsmobilität von Ereignissen im östlichen Europa ausgingen, wo Löhr denn auch folgerichtig den regionalen Schwerpunkt ihrer „europäische[n] Geschichte in globaler Perspektive“ (S. 362) setzt.

Im Tumult der Nachkriegszeit entstanden zahlreiche studentische Organisationen – prominent etwa die Confédération Internationale des Étudiants[1] –, die sich als Alternativen zum Studentenweltbund und der Europäischen Studentenhilfe positionierten. Letztere aber bewiesen Adaptionsfähigkeit, handelten auf den Konferenzen von Turnov (1922) und Gex (1925) ihre Grundgedanken neu aus und gingen säkularisiert unter dem Namen „Weltstudentenwerk“ respektive „International Student Service“ in die Zukunft. An die Stelle der Mission trat nunmehr die internationale Verständigung, die zum Leitbegriff des Bildungsmobilitätsdiskurses avancierte. Mit dem Weltstudentenwerk war der Weg für eine Politik bereitet, die sich vom konfessionellen Fokus gelöst hatte und stattdessen auf „Nothilfe, Mobilität und Sozialfürsorge“ abzielte (S. 369).

Der auf über sechzig Seiten vorgelagerte theoretische Unterbau ist innovativ und literaturreich, auch wenn der theoretische Jargon nicht immer produktiv ist und manches diffus bleibt. So zum Beispiel der analytische Mehrwert des prominent eingeführten, aber später nicht wieder aufgegriffenen Konzepts der „educational cosmobilities“, das die enge Kopplung von studentischen Mobilitäten und einem spezifischen Globalitätsverständnis des Studentenweltbundes zu fassen versucht. Dagegen erschliesst und formuliert die Einleitung methodische Problematiken, die für weiterführende Forschung zu studentischen und akademischen Organisationen gewinnbringend sind. Neben den Akten des Studentenweltbundes im Archiv des „World Council of Churches“ hat Isabella Löhr insbesondere die vielfältigen gedruckten Quellen der Organisation und einige studentische Periodika herangezogen. Deren immenses Forschungspotenzial legt diese Arbeit eindrücklich offen. Schade nur, dass das Buch ganz ohne Abbildungen auskommen muss, enthalten die Druckerzeugnisse doch zuweilen Fotografien und Grafiken, die sowohl Globalitätsvorstellungen als auch alltägliche Tätigkeiten prägnant illustrieren.

Es ist ein grosses Verdienst von Löhrs Studie, Hochschul- und Migrationsgeschichte fruchtbar zu kombinieren und dabei die Aufmerksamkeit auf nicht-staatliche Akteure im Allgemeinen und Studierende im Besonderen zu lenken. Damit schreibt sich die Arbeit auch in eine jüngere Forschungsachse ein, die Studierenden – ihrer Mobilität, ihrer Wissensproduktion, ihrer Selbstorganisation – eine tragende Rolle bei der Entwicklung der modernen Universität zuweist.[2]

Mit Blick auf die Gegenwart argumentiert Löhr, dass die Parameter, die Bildungsmobilität heutzutage strukturieren, das Ergebnis der in diesem Buch beschriebenen „Krisenpolitik“ des frühen 20. Jahrhunderts seien, die „aus der Überblendung von Universität, protestantischer Mission, Bildungsmobilität und humanitärer Hilfe hervorging“ (S. 14). Neben der internationalen Verständigung zählen zu diesen Parametern die nahezu schrankenlose Wertschätzung universitärer Bildung sowie die unterschiedliche Klassifizierung ‚ausländischer‘ und ‚geflüchteter‘ Studierender. Gewiss sind diese Aspekte im 21. Jahrhundert Kernelemente des Bildungsmobilitätsdiskurses, doch braucht es für ein nuancierteres Verdikt mehr Forschung, die die globale Tätigkeit studentischer Organisationen und die gegensätzlichen Zuschreibungspraktiken in den ereignisreichen Jahrzehnten dazwischen in den Blick nimmt – die Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs, die Wiederaufbau- und Entwicklungskampagnen im globalen Kalten Krieg, die bildungspolitischen Reformen und transnationalen Stipendienprogramme.[3] Isabella Löhrs Buch „Globale Bildungsmobilität“ ist dafür Einladung und Wegweiser zugleich.

Anmerkungen:
[1] Hierzu: Daniel Laqua, Activism in the „Students’ League of Nations“. International Student Politics and the Confédération Internationale des Étudiants, 1919–1939, in: English Historical Review 132 (2017), S. 605–637.
[2] Vgl. hierzu auch die Arbeiten von Matthieu Gillabert, gesammelt in: Matthieu Gillabert, De l'internationalisation de l'université à l'internationalisme étudiant. Les migrations étudiantes en Europe à l'heure de la massification universitaire (1945–1980), 2 Bde., Fribourg 2020.
[3] Für interessante Ansätze vgl. u.a. Gillabert (wie Anm. 2); Ludovic Tournes / Giles Scott-Smith (Hrsg.), Global Exchanges. Scholarships and Transnational Circulations in the Modern World, New York 2017; Hilary Perraton, International Students 1860–2010. Policy and Practice round the World, Cham 2020.