Die deutsch-polnische Grenzregion

: Provinz Posen, Ostmark, Wielkopolska. Eine Grenzregion zwischen Deutschen und Polen, 1848-1914. Marburg 2005 : Herder-Institut Verlag, ISBN 3-87969-324-2 X, 309 S. € 39,00

: Erinnerungskultur im deutsch-polnischen Kontaktbereich. Bromberg und der Nordosten der Provinz Posen (Wojewodschaft Poznan) 1871-1939. Osnabrück 2007 : fibre Verlag, ISBN 978-3-938400-20-3 479 S. € 35,00

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Mathias Seiter, History Department/Parkes Institute, University of Southampton

Im Rahmen des ‚spatial turns’ in den Geschichts- und Kulturwissenschaften sind Grenzregionen als Zonen kultureller Verflechtungen wie auch Abgrenzungen verstärkt in das Blickfeld der Forschung gerückt. In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich, dass die Grenzregion um Posen (Poznań), also die ehemalige preußische Provinz Posen beziehungsweise die polnische Wojewodschaft Poznań bisher weitestgehend von der deutschsprachigen Forschung vernachlässigt wurde. Dabei zeigt sich gerade am Beispiel des polnisch-deutschen Kontaktbereichs wie Studien zu Grenzregionen Rückschlüsse auf nationale Identitätsbildungsprozesse zulassen. Nachdem Großpolen im Zuge der Teilungen Polens von Preußen annektiert worden war, entwickelte sich die Provinz Posen ab dem 19. Jahrhundert zu einem der Brennpunkte des deutsch-polnischen Nationalitätskonflikts. Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg ging die Region im wieder entstandenen polnischen Staat auf. Auf Grund ihrer komplexen nationalen Bevölkerungsstruktur bietet die Grenzregion ein ideales Forschungsfeld für die Untersuchung von kulturellen Legitimations- und Aneignungsprozessen.

Das Buch von Thomas Serrier basiert auf seiner in Frankreich veröffentlichten Dissertation aus dem Jahr 2002. Im Mittelpunk der Studie steht dabei die Frage nach der „kollektiven Aneignung eines Territoriums“ (S. 9). Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Autor die Prozesse in der Region selbst untersucht, da die Vorstellung vom Staat als zentralistisches Gebilde den komplexen Identitätsbildungsprozessen in der Grenzregion nicht gerecht werden kann. Serrier konzentriert sich dabei auf die deutsche Minderheit in der Region und deren Versuch, den deutschen Anspruch auf die Provinz Posen zu legitimieren.

Unter der Überschrift „Staat, Minderheit, Integration“ behandelt Serrier im ersten Themenblock sowohl die Entwicklungen als auch die verschiedenen Interessen der in der Provinz Posen lebenden Bevölkerungsgruppen. Der Autor bezieht sich in diesem Kapitel vorwiegend auf die existierende Sekundärliteratur, wobei er sich auf seine Kenntnisse des deutschen wie auch des polnischen Forschungsstandes stützt. Bei der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Deutschen, Polen und Juden im Rahmen des Nationalitätskonflikts zeichnet der Autor ein differenziertes Bild. Allerdings reduziert Serrier die jüdischen Akteure in der Region auf die Rolle von Vermittlern zwischen den nationalen Lagern, was etwas zu kurz gegriffen scheint. Wie Serrier selbst im dritten Abschnitt der Arbeit hervorhebt, nahmen Juden durchaus eine aktive Rolle in den kulturellen Aneignungsprozessen der deutschen Minderheit ein.

Der zweite Teil der Arbeit „Grenze und Peripherie“ untersucht die Selbstwahrnehmung der regionalen Eliten angesichts der Grenzlage der Provinz. Zählte die deutsch-polnische Grenze bis in die Frühe Neuzeit noch zu einer der stabilsten Mitteleuropas, entwickelte sie sich ab dem 19. Jahrhundert zu einer Hauptkonfliktzone. Differenzen und Wechselwirkungen zwischen den polnischen und deutschen kulturellen Aneignungsprozessen verdeutlicht der Autor anhand dreier Fallbeispiele: Frankreich (insbesondere Napoleon Bonaparte), Heinrich Heine und Friedrich Schiller wurden von den Konfliktparteien jeweils unterschiedlich wahrgenommen. Verbanden Polen mit dem Namen Napoleon Bonaparte die Einrichtung des Herzogtums Warschaus und somit die zeitweise Unabhängigkeit von Preußen, so war die deutsche Erinnerung an Napoleon in der Region vom Verlust der preußischen Herrschaft über die Provinz geprägt.

Im dritten und größten Abschnitt des Buches untersucht der Autor den Versuch der deutschen Minderheit in der Provinz Posen eine deutsche Geschichtsschreibung zu etablieren. Serrier wertet dazu den bisher vernachlässigten Aktenbestand der 1885 gegründeten „Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen“ (HGP), einer der mitgliederstärksten historischen Vereine im Deutschen Kaiserreich, aus. Hinter der Gründung der historischen Gesellschaft stand die Absicht, eine deutsche Tradition für die Provinz Posen zu schaffen. Die Konstruktion eines deutschen Narrativs in der Geschichtsschreibung für die Region sollte eine historische Kontinuität deutscher Präsenz etablieren und somit die Herrschaft Preußens über die Provinz Posen legitimieren. Das letztliche Scheitern einer kollektiven Aneignung der regionalen (Heimat-)Geschichte erklärt der Autor damit, dass die HGP nicht nur Erinnerung bewahren, sondern erst historische Kontinuität kreieren musste.

Serrier hebt hervor, dass im Kontext der preußischen Germanisierungspolitik die Grenze zwischen Kultur und Politik oftmals fließend war, wobei er nicht der verallgemeinernden Schlussfolgerung vom zwangsläufigen Zusammenspiel von regionaler Geschichtskonstruktion und politischer Propaganda erliegt. Vielmehr zeichnet er ein differenziertes Bild der verschiedenen Gruppen innerhalb der HGP. Die Studie zeigt ausführlich die Motive und Beweggründe einzelner Mitgliedsgruppen der HGP sowie deren unterschiedlichen Grad der Verflechtung mit dem preußischen Staat. Während der politisch-legitimatorische Charakter regionaler Geschichtsschreibung bei preußischen Staatsbeamten hervortrat, stand bei protestantischen Pfarrern die Identifikation mit der Heimat im Vordergrund. Die Komplexität des Aneignungsprozesses verdeutlichte der Archivar Adolf Warschauer, der eine der treibenden Kräfte hinter der Etablierung einer deutschen Geschichtsschreibung war. Seine wissenschaftliche Arbeit war zwar nicht grundsätzlich frei von Polemik, aber nicht genuin antipolnisch. Als Deutscher und Jude forschte er sowohl zur nicht-jüdischen als auch zur jüdischen Geschichte, was ihn jedoch nicht daran hinderte, für den latent antisemitischen Deutschen Ostmarkverein Führungen im Rahmen von dessen „Ostmarkfahrten“ zu übernehmen. Gerade Warschauers Beispiel verdeutlicht, dass die deutsche Seite im Nationalitätskonflikt von komplexen Interessenlagen geprägt wurde. Auch wenn der Autor sehr differenziert die organisatorischen Strukturen des Vereins und die Bedeutung der unterschiedlichen sozialen Milieus für die Geschichtsschreibung der HGP herausarbeitet, so wäre es wünschenswert gewesen, ausführlicher auf etwaige inhaltliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Interessengruppen einzugehen. Insbesondere in seiner Einschätzung der jüdischen Mitglieder der HGP versäumt er es, die Wechselwirkungen zwischen jüdischer und deutscher Identität stärker herauszuarbeiten.

Serriers Buch zur Provinz Posen besticht nicht nur durch die Vielfalt der benutzten Quellen sondern zeigt auch die Bedeutung von multiethnischen Grenzregionen für das Verständnis von Legitimations- und Aneignungsstrategien von Raum, Nation und Region. Diese Zonen kultureller Inklusion, Exklusion und Überschneidung eignen sich daher besonders als Forschungsfeld zur Untersuchung von Identitätskonstruktionen, einem zentralen Aspekt moderner Kulturgeschichtsforschung. Zudem gelingt es Serrier durch seine Studie, die lange Zeit von der Geschichtswissenschaft vernachlässigte Provinz Posen wieder in das Blickfeld der Forschung zu rücken. Es bleibt lediglich zu hoffen, dass die leider sehr komplizierte Sprache der Studie deren Rezeption nicht erschwert.

Auch Stefan Dyroffs überarbeitete Dissertation, die 2006 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder eingereicht wurde, spiegelt das gewachsene Interesse am Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen wider. Er beschäftigt sich ebenfalls mit Geschichtschreibung und Erinnerungskultur in der deutsch-polnischen Grenzregion. Ziel der Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie „im kulturellen Kontaktbereich von Deutschen und Polen die Erinnerung an vergangene und gegenwärtige Ereignisse konstruiert, gepflegt und wahrgenommen wurde“ (S. 14). Im Gegensatz zu Serriers Monographie endet die Studie jedoch nicht mit dem Ende der deutschen Herrschaft in der Provinz Posen. Um die deutsche und polnische Erinnerungskultur in ihrer regionalen Ausprägung vergleichen zu können, behandelt der Autor den Zeitraum zwischen der Gründung des Deutschen Kaiserreiches und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Dabei konzentriert sich die Studie ausschließlich auf den Nordosten der Region, also das Gebiet um die Städte Bromberg (Bydgoszcz) und Inowrazlaw (Inowrocław). Mit dem regionalen Fokus seiner Studie gelingt es Dyroff überzeugend, die Gemeinsamkeiten, Gegensätze und Wechselwirkungen zwischen den beiden nationalen Erinnerungskulturen darzustellen.

Nach einem kurzem Abriss zu den theoretischen Diskursen über ‚Erinnerungskultur’, ein zentraler Begriff für Dyroff, ‚Tradition’ sowie ‚Geschichtskultur’ führt ein knappes Übersichtskapitel in die Geschichte der Region während des Deutschen Kaiserreichs und der Zweiten Polnischen Republik ein. Die Einleitung beschränkt sich auf die politische Geschichte des Nationalitätskonflikts in der Grenzregion, wobei angesichts der komplexen politischen und gesellschaftlichen Situation in der Region eine etwas ausführlichere Darstellung der Entwicklung wünschenswert gewesen wäre. Insbesondere der Darstellung des Verhältnisses zwischen Deutschen, Polen und Juden fehlt es an Differenziertheit, so wird auf soziale Transformationsprozesse sowie die starke Abwanderung der jüdischen Minderheit nicht eingegangen.

Im Folgenden zeichnet die Studie in vier großen Themenblöcken ein breites Bild der regional ausgeprägten nationalen Erinnerungskulturen im Nordosten der Provinz Posen/Wojewodschaft Poznań. Ähnlich wie Serrier betrachtet Dyroff zunächst die regionale Geschichtsschreibung im Rahmen von Geschichtsvereinen. Das Bromberger Äquivalent zur HGP, die „Historische Gesellschaft für den Netzedistrikt“, steht dabei im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu Serrier thematisiert Dyroff die Inhalte der lokalen und regionalen Historiographie ausführlich. Zentral für die Interpretation historischer Ereignisse, sowohl innerhalb der deutschen als auch der polnischen Geschichtsschreibung, war der Versuch der nationalen Aneignung des regionalen Erbes. Geschichtsforschung war wie im Rest der Provinz ein wichtiges Element der politischen Legitimation. Vergleichend werden im zweiten Quellenkapitel Inhalte und Vermittlung von identitätsbildenden Geschichtsbildern in Bezug auf die nicht-elitären Schichten der Gesellschaft untersucht. Heimatromane, populärwissenschaftliche Heimatkunde sowie schulische Inhalte und das kulturelle Leben in der Region werden vom Autor vor dem Hintergrund der nationalen Gegensätze geschildert. Überzeugend sind vor allem die beiden Kapitel „Kodierung des öffentlichen Raums“ und „Jubiläen, Feste und Traditionspflege“. In detaillierter Fülle beschreibt Dyroff die sich wandelnde Konstruktion der Vergangenheit sowie die Wahrnehmung zeitgenössischer Ereignisse im Kontext der regionalen Identitätsbildungsprozesse und Legitimationsdiskurse. Insbesondere im Rahmen der Untersuchung von Denkmalpflege, der Errichtung von Denkmälern sowie von öffentlichen Festen zeigen sich die allmählichen Veränderungen in den Beziehungen zwischen polnischer und deutscher Erinnerungskultur. Bestand unmittelbar nach der Reichsgründung noch Raum für Interaktion, verschwand dieser mit der zunehmenden Konfrontation der Nationalbewegungen. Dabei vermeidet es Dyroff, zum Beispiel bei der Beschreibung der Diskussion über die Umbenennung von Inowrazlaw in Hohensalza, die nationalen Gruppen als homogene Blöcke darzustellen. Auch die Einbeziehung der lokalen Ebene trägt zu einer komplexen und ausgewogenen Perspektive bei.

In einer Schlussbetrachtung unternimmt Dyroff den Versuch einer Periodisierung der Interaktion beider nationaler Erinnerungskulturen. Stand im ersten Jahrzehnt nach der Gründung des deutschen Kaiserreichs noch ein inklusives, übernationales preußisches Modell bei der Interpretation der regionalen Vergangenheit im Vordergrund, so gewann bis zur Jahrhundertwende das Streben nach nationaler Mobilisation durch die Nationalisierung von historischen Inhalten an Bedeutung. In der Übergangsperiode zwischen regional inklusiver und national exklusiver Erinnerungskultur, die der Autor von 1880 bis 1900 sieht, finden sich dennoch Beispiele deutsch-polnischer Zusammenarbeit, etwa bei der Restaurierung der Marienkirche in Inowrazlaw (Inowrocław). Im Zuge der zunehmenden Germanisierungsbestrebungen in der Region war allerdings die Integration der polnischen Bevölkerungsteile in den deutschen Nationalstaat immer stärker mit der Verneinung ihrer polnischen Wurzeln verbunden. Die staatlich geförderte Deutschtumspolitik leitete den endgültigen Bruch zwischen den beiden nationalen Lagern ein. Interaktionen zwischen deutscher und polnischer Erinnerungskultur wurden durch die Herausbildung zweier parallel existierender nationaler Gesellschaften unterbunden. Die Gründung der Zweiten Polnischen Republik und die Eingliederung der Grenzregion in den neu entstandenen polnischen Nationalstaat führten zu keiner schlagartigen Veränderung in der Konstruktion der regionalen Geschichte. Aufgrund der innerpolnischen Gegensätze zwischen Nationaldemokraten und Sanacja-Anhängern sah sich die polnische Geschichtsschreibung in der Region jedoch nach 1920 einem Fragmentierungsprozess ausgesetzt, da der dreigeteilten polnischen Nation ein gemeinsames kulturelles historisches Gedächtnis fehlte.

Stefan Dyroffs Fokus auf die Region um Bromberg (Bydgoszcz) ermöglicht zudem eine Perspektive, welche die Wechselbeziehungen zwischen Peripherie und Zentrum, also der Beziehung zwischen der Region und den nationalen Zentren Berlin beziehungsweise Warschau, nicht vollständig außen vor lässt. Leider behandelt Dyroff die Zusammenhänge von regionalen und gesamtnationalen Identitätsbildungsprozessen nur knapp. In diesem Zusammenhang wäre eine Auseinandersetzung mit den wegweisenden Monographien von Celia Applegate und Alon Confino aufschlussreich gewesen.[1]

Die beiden Studien von Thomas Serrier und Stefan Dyroff zur Geschichtsschreibung im polnisch-deutschen Kontaktbereich liefern einen wichtigen Beitrag zur Nationalismus-Forschung sowie zur Erforschung der Geschichte Ostmitteleuropas. Die Konzentration auf die Provinz Posen/Wojewodschaft Poznań als Zone der kulturellen Verflechtungen und Abgrenzung beugt einer vereinfachenden Reduzierung des deutsch-polnischen Antagonismus vor und ermöglicht es, regionale und nationale Identitätsbildungsprozesse in ihrer Komplexität darzustellen. Es bleibt zu hoffen, dass die Arbeiten weitere Studien zur polnisch-deutschen Grenzregion anregen, die über den historiographischen Forschungsrahmen hinausgehen.

Anmerkung:
[1] Celia Applegate, A Nation of Provincials. The German Idea of Heimat, Berkeley 1990; Alon Confino, The Nation as a Local Metaphor. Württemberg, Imperial Germany, and National Memory. 1871-1918, Chapel Hill 1997.

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07.01.2009
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