L’exil et ses ressources: Une discussion entre Moyen Âge et époque contemporaine

Place
Paris
Host/Organizer
Elisa Brilli, University of Toronto / Universität Zürich; Laura Fenelli, Kent State University, Florence Program; Vanina Kopp, Deutsches Historisches Institut Paris
Date
01.12.2016
By
Sandra Leibner, Ludwig-Maximilians-Universität München

Betrachtet man das derzeitige Weltgeschehen und die politischen Debatten, stößt man unweigerlich auf die Themen Exil und Migration. Doch so aktuell diese beiden Begriffe erscheinen mögen, beschreiben sie bei genauer Betrachtung Phänomene, die bereits seit langer Zeit den Weg und die Geschichte der Menschen begleitet haben. Die Anfang Dezember am Deutschen Historischen Institut Paris veranstaltete Tagung „L’exil et ses ressources: Une discussion entre Moyen Âge et époque contemporaine“ setzte es sich zum Ziel, das Phänomen „Exil“ aus einer epochenübergreifenden, internationalen sowie interdisziplinären Perspektive heraus zu betrachten. Basierend auf dem Projekt „Images and Words in Exile. Avignon and Italy during the First Half of the Fourteenth-Century“ des Kunsthistorischen Instituts in Florenz sowie den Publikationen des unter der Leitung von Alexis Nouss stehenden und zeithistorisch orientierten Lehrstuhls „Exil et migration“ sollte die Tagung eine Diskussion zwischen Spezialisten verschiedener Disziplinen und Epochen ermöglichen. Die Organisatorinnen Elisa Brilli (University of Toronto / Universität Zürich), Laura Fenelli (Kent State University, Florence Program) und Vanina Kopp (Deutsches Historisches Institut Paris) wollten so eine Möglichkeit schaffen, gemeinsame Betrachtungsweisen sowie die Beziehungen zwischen Exil und Individualisierung bzw. zwischen Exil, kultureller Mobilität und kreativen Schöpfungsprozessen erarbeiten zu können.

Nach dem Willkommensgruß des Direktors THOMAS MAISSEN führte VANINA KOPP in das Thema Exil als wissenschaftliche Kategorie ein. Über die Leitfragen der drei thematischen Blöcke „État de l’art“, „Exil, individuation et temporalités“ und „Exil, mobilité culturelle et culture matérielle“ unterstrich sie den experimentellen Charakter der Veranstaltung als Brücke zwischen den Disziplinen und Epochen. In der ersten, ebenfalls von Vanina Kopp moderierten Sektion, wurden zunächst das Projekt „Images and Words in Exile“ sowie die Arbeit des Lehrstuhls „Exil et migration“ vorgestellt. So hob ELISA BRILLI in ihrem Beitrag über das im Jahr 2010 begonnene internationale und interdisziplinäre Projekt „Images and Words in Exile“ hervor, dass sich mit der Übersiedlung des Papsttums nach Avignon im 14. Jahrhundert die Vorstellung von Exil grundlegend gewandelt habe. Exil sei nunmehr nicht mehr eine imaginäre Kategorie, sondern ein omnipräsentes und konkret wahrnehmbares Phänomen gewesen. Bei einer Untersuchung des Exiltopos und dessen Bedingungen sind laut Brilli mehrere Analysekriterien zu berücksichtigen. So sei zunächst danach zu fragen, inwiefern die Kategorie des „Exils“ (im Gegensatz zu „Verbannung“ oder „Exkommunikation“) auf Strategien der „Autoreprésentation“ beruhte, also einer Selbstzuschreibung, um sich und die neue Situation zu beschreiben und zu bewältigen. Um dahin zu gelangen, brauche es ein gemeinsames kulturelles Fundament, um Exil in Kunst und Literatur auszudrücken? Ebenso plädierte Brilli für ein weites Verständnis von Exil, das unter anderem das religiöse und politische Exil umfassen sollte. Die Kunsthistorikern LAURA FENELLI erläuterte in ihrem Vortrag zum Projekt insbesondere den weiten semantischen Fokus des Projekts auf „Words“ und „Images“ als Mittel der Repräsentation und Selbstrepräsentation. Die Umsiedlung des Papsttums nach Avignon habe nicht zuletzt eine Neudefinition der Normen bedeutet, wodurch zugleich neue Wege für die Kunst- und Bildproduktion eröffnet worden seien. Mitunter kam es dabei auch zu einem Wiederaufleben älterer Bilder und Themen, Motive wurden überliefert und im „neutralen“ avignonesischen Kontext neu besetzt und benutzt. Gleichzeitig müsse man differenzieren: Auch wenn die Kunst in Avignon aufblühte, so bedeutete dies nicht das Ende jeglicher Kunstentfaltung in Rom. Ebenso dem kunstgeschichtlichen Aspekt des Papsttums in Avignon widmete sich GERHARD WOLF (Kunsthistorisches Institut Florenz). Für Wolf ist es eine zentrale Frage, wie sich Autoren und Künstler unter den Bedingungen eines Exils verhalten. Er betrachtet die Medien Bild und Text als eine Sprache, derer man sich in der Kunst bediene, um über die Exilbedingungen und -erfahrungen zu reflektieren. Konkret in Bezug auf die Umsiedlung des Papsttums nach Avignon fragte Wolf, was es bedeutet haben musste, in Avignon künstlerisch tätig zu sein und somit das Exil persönlich vor Ort zu erfahren. Zu berücksichtigen sei diesbezüglich die durch das avignonesische Papsttum bedingte Polarität zwischen der neuen geopolitischen Weltordnung und deren unmittelbaren Bedeutung für das Individuum bzw. für spezifische Gruppen.

ALEXIS NOUSS (Université d’Aix-Marseille / Collège d’études mondiales) hob in seiner Vorstellung der Projekte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seines Lehrstuhls „Exil et migration“ insbesondere die Aktualität des Phänomens „Exil“ hervor. Vor dem Hintergrund des derzeitigen „Exil de masse“ stellte er die Frage, ob die aktuelle Entwicklung lediglich ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Migration darstelle, oder ob es sich hierbei um ein vollkommen neues Phänomen handle. Anders als vorher in der Neuzeit sei laut Nouss die Frage der Geographisierung für das Mittelalter besser geklärt. Während man heute beispielsweise verallgemeinernd von „den Migranten“ spreche, seien für frühere Zeiten die Wege der Migranten deutlicher lokalisiert worden, das heißt man spezifizierte beispielsweise, dass es sich bei einer Person um einen nach Frankreich immigrierten Polen handelt. Diese Entwicklung lässt auf einen Bruch in der Wahrnehmung des Phänomens der Migration schließen. Zu einem besseren Verständnis der aktuellen Entwicklung hob Nouss die Bedeutung der Historisierung des Phänomens hervor, wobei er jedoch davon ausgeht, dass die derzeitige Frage nach den rechtlichen Aspekten von Exil und Migration als vergleichsweise neue Dimension des Phänomens zu werten sei. Daneben betrachtet er die räumliche Dimension von Exil kontrovers. Nouss betonte, dass Exil im allgemeinen Verständnis insbesondere räumlich definiert werde, wohingegen dieser Aspekt für Exilanten eine eher untergeordnete Rolle spiele.

Ebenso wie Alexis Nouss ging auch JEAN-CLAUDE SCHMITT (École des hautes études en sciences sociales), der die Sektion „Exil, individuation et temporalités“ einleitete, davon aus, dass die Struktur von Exil und Migration in der heutigen Zeit anders als in früheren Zeiten gestaltet sei, insbesondere auch in Bezug auf rechtliche Aspekte. Speziell für das Individuum bedeute das Exil, wie Schmitt erläuterte, eine Reorganisation des Ichs auf sozialer und individueller Ebene und berge zugleich zeitliche und räumliche Implikationen, auf die in den Beiträgen dieses thematischen Blockes näher eingegangen wurde.

GIULIANO MILANI (La Sapienza di Roma) ging in seinem Beitrag auf die subjektive Wahrnehmung sowie die Kompetenzentwicklung des Individuums im Exil näher ein. Demgemäß sei bei der subjektiven Wahrnehmung durch eine Person zu berücksichtigen, dass ein Exil zumeist Folgen moralischer und physischer Natur mit sich bringe, unabhängig davon, ob es sich um eine politisch oder wirtschaftlich motivierte Emigration handle. In der Mittelalterforschung, so Milani, spiele die sogenannte „subjectivité“ bereits eine wesentliche Rolle. Zur Untersuchung dieser Kategorie befürwortet Milani eine methodische Herangehensweise, die nicht, wie lange Zeit in der Forschung üblich, ausschließlich die negativen Aspekte eines Exils herausarbeite und ferner komparativ angelegt sein sollte. Der Frage nach den Potentialen und der Entwicklung im Exil näherte sich Milani über Dante und dessen Commedia an. Er nannte ihn als Beispiel für die von Brecht erläuterte Dialektik, wonach Personen zwar infolge eines Wandels bzw. bestimmter Bedingungen emigrieren, aus ihrem Exil heraus diese Verhältnisse jedoch genauestens beobachten. Dante, der sein Exil als ungerecht empfand und sich selbst infolge einer Erfahrungen wandelte, verfasste in der Zeit seiner Verbannung die Commedia, die einerseits als Quelle für die subjektiven Erfahrungen Dantes, andererseits aber auch als Quelle für die Beschreibung der Zeitverhältnisse gelesen werden kann.

NORAH DEI CAS-GIRALDI (Université de Lille) näherte sich an das Thema Exil über Beispiele aus der aktuellen südamerikanischen Literatur an. Dabei berücksichtigte Cas-Giraldi mehrere Aspekte. Neben den Exilserfahrungen betrachtete sie insbesondere die infolge eines Exils auftretenden Diskontinuitäten im Lebensweg eines Individuums sowie die Frage, inwiefern eine Rückkehr aus dem Exil möglich sei. Sie zeigte, dass ein Exil bzw. die Umstände, die zu einem Exil führen, oftmals mit Leiden und Traumata sowie mit zahlreichen Brüchen verbunden sein können. So könne ein Exil beispielsweise einen „kulturellen Schock“ bedeuten sowie zu zeitlichen und räumlichen Diskontinuitäten in den individuellen Lebenswegen führen, sogar zwischen den Generationen. Eine Rückkehr aus dem Exil sei laut Cas-Giraldi insofern nicht möglich, als dass nie mehr dasselbe wie vor der Emigration wiedergefunden werde.

Bei der anschließenden Diskussion trat abermals die Problematik des Verständnisses von Raum in Bezug auf ein Exil als wesentlicher Interessenschwerpunkt der Beteiligten hervor. Diskutiert wurde, inwiefern kartengebundenes Denken ein modernes Phänomen sei und beispielsweise im Mittelalter eine andere Vorstellung von Raum geherrscht habe. Letztlich führe dies zu der Frage nach dem Itinerar und der Art und Weise, in der Menschen von dem Weg erzählen, den sie zurückgelegt haben. Als Anekdote wurde angeführt, dass unter den heutigen Migranten oftmals ihr Körper das Itinerar sei und Raum somit unmittelbar im Zusammenhang mit dem menschlichen Körper definiert werde, als sogenannte „carte anthropomorphique“.

In seinen einleitenden Worten zum Themenblock „Exil, mobilité culturelle et culture matérielle“ griff AGOSTINO PARAVICINI BAGLIANI (Université de Lausanne) abermals die Frage nach dem Raum auf. Hinsichtlich des Papsttums in Avignon unterstrich er, dass dieses zu einer Dislokation des Raumes, das heißt des Zentrums und der Peripherie, mit sich gebracht habe. Neben dem räumlichen Aspekt beleuchtete ÉTIENNE ANHEIM (École des hautes études en sciences sociales, Paris) insbesondere den psychologischen Faktor des Exils. Am Beispiel Petrarcas, der ein Exilant in zweiter Generation war, beschrieb Anheim, dass sich dieser in einem „geträumten“, kulturellen Exil befunden habe, da er sich von der Antike exiliert fühlte. Ähnlich sei auch das Exil von Joachim du Bellay zu bewerten, der sich nach dem antiken Rom sehnte, eine Entfernung, die ihn in seiner schriftstellerischen Arbeit maßgeblich beeinflusste. In beiden Fällen sei von einem Exil im psychologischen Sinne zu sprechen, bei dem eine räumliche und zeitliche Entfernung in Bezug auf die ersehnte Kultur bestand. Dieser Abstand habe jeweils zu einer kreativen Mobilität beigetragen. Ferner legte Anheim dar, dass jede Epoche eigene Mechanismen und Figuren des Exils hätte und somit auch das Mittelalter, das 19. Jahrhundert als das „siècle des exilés“ und die Gegenwart unterschiedliche semantische und soziologische Exilerfahrungen generieren bzw. generiert haben.

Die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts betrachtete ADA SAVIN (Université de Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines) näher. Dabei legte sie dar, dass Exil für einen Schriftsteller beziehungsweise eine Schriftstellerin auch eine Entfernung vom eigenen Sprachraum bedeute und ein Gefühl der Fremdheit hervorrufen könne. Für den Umgang der Literaten mit dieser Exterritorialität konnte Savin drei Strategien feststellen. So bestehe zunächst die Ansicht, dass ein Poet oder eine Poetin umso besser ist, je weiter er oder sie vom Heimatland entfernt sei, da er oder sie sich in der Fremde in seine beziehungsweise ihre Muttersprache flüchte. Daneben bestehe die Möglichkeit, dass Schriftstellende in der Fremde nicht weiterhin in der eigenen Muttersprache, sondern in der Sprache des Aufenthaltsortes schreiben. Diese Alternative werde jedoch kontrovers beurteilt. Auch wenn Beispiele wie Samuel Beckett zeigen, dass auch in einer fremden Sprache erfolgreich Literatur verfasst werden kann, vertreten einige Poeten die Ansicht, dass das Schreiben in einer anderen, fremden Sprache unmöglich sei. Die dritte Strategie der Bewältigung des literarischen Exils bestehe darin, dass die neue, fremde Sprache die eigentliche Muttersprache transformiert und beeinflusst, die Autorinnen und Autoren somit in gewisser Weise „zwischen“ den Sprachen schreiben. Zusammenfassend schloss Savin, dass Schriftstellende im Exil mit der Sprache spielen, so wie ein Musikinstrument gespielt werden könne.

Die auf den dritten Themenblock folgende Schlussdiskussion verwies vor allem auf die Desiderate bezüglich der Erforschung von Exil. Beispielsweise wurde eine genaue Untersuchung der Ikonizität von Texten sowie die Ikonographie als besonders wichtig identifiziert, da gerade hier viele Zeugnisse von Exilerfahrungen zu finden seien. Ebenso wurde ein Überdenken der Kategorien von Exil angefordert. Es wurde erkannt, dass neue Wege der Erforschung von Exil zu entwickeln seien, die sich auch in einer veränderten, neben der Sprache und dem Körper noch weitere Kategorien umfassenden Herangehensweise widerspiegeln sollte. Diese Erweiterung der Untersuchungsgegenstände solle ebenso die Geschichte der Objekte, die „histoire matérielle“, als ein äußerst fruchtbares Themenfeld einschließen.

Die Tagung „L’exil et ses ressources“ beleuchtete die Themen Exil und Migration epochenübergreifend und aus verschiedenen disziplinären Blickwinkeln. Letztlich zeichneten sich die Fragen nach dem Verhältnis von Raum, Zeit und Exil sowie nach den individuellen Wahrnehmungen und Erfahrungen als Aspekte ab, die, unabhängig von fachwissenschaftlicher Richtung und epochaler Schwerpunktsetzung, das Gros der anwesenden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beschäftigen. Es zeigte sich, dass Migration und Exil, sei es politisch, wirtschaftlich oder aber psychologisch bedingt, die Geschichte der Menschheit begleitet haben und wohl auch weiterhin begleiten werden, wenn auch in den unterschiedlichsten Formen. Gerade in Bezug auf das derzeitige Weltgeschehen erscheint es als gewinnbringend, die Geschichte des Exils aus vielfältigen Blickwinkeln und Herangehensweisen zu analysieren, um dieses Phänomen besser verstehen zu lernen, wie auch in der Tagung an mehreren Stellen gefordert wurde.

Konferenzübersicht:

Mot de bienvenue de Thomas Maissen (DHIP)
Einleitung: Vanina Kopp (DHIP)

Sektion 1: État de l’art, Modération: Vanina Kopp

Vorstellung der Projekte und Veröffentlichungen:
„Images and Words in Exile“ durch Elisa Brilli (University of Toronto/UZH), Laura Fenelli (Kent State University, Florence Program) und Gerhard Wolf (Kunsthistorisches Institut Florenz); Lehrstuhl „Exil et migration“ durch Alexis Nouss (Université d’Aix-Marseille/Collège d’études mondiales)

Sektion 2: Exil, individuation et temporalités, Moderation: Jean-Claude Schmitt (EHESS)

Beiträge von Giuliano Milani (La Sapienza di Roma) und Norah dei Cas-Giraldi (Université de Lille)

Sektion 3: Exil, mobilité culturelle et culturelle matérielle, Moderation: Agostino Paravicini Bagliani (Université de Lausanne)

Beiträge von Étienne Anheim (EHESS) und Ada Savin (Université de Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines)

Schlussdiskussion: Gerhard Wolf (KHI) und Alexis Nouss (Université d’Aix-Marseille/Collège d’études mondiales)

Citation
Tagungsbericht: L’exil et ses ressources: Une discussion entre Moyen Âge et époque contemporaine, 01.12.2016 Paris, in: H-Soz-Kult, 16.03.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7059>.
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Published on
16.03.2017
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