Wirtschaftsgeschichten in imperialen Kontexten

Place
Regensburg
Host/Organizer
Luminita Gatejel / Guido Hausmann, Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS), Regensburg; Julia Obertreis, Universität Erlangen-Nürnberg
Date
13.02.2020 - 14.02.2020
By
Melanie Hussinger, Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung

Der Workshop fand gemeinsam mit der Jahrestagung des Verbandes der OsteuropahistorikerInnen (VOH) statt. Angestoßen von dem in letzter Zeit wachsenden Interesse an wirtschaftshistorischen Fragen und Themen innerhalb der Geschichtswissenschaften, widmete er sich neuen Forschungsperspektiven aus Ost-, Ostmittel-, und Südosteuropa und zielte darauf ab, mit der Verbindung von wirtschaftshistorischen Fragen und Imperialgeschichte einen Überblick über das bunte Feld der Wirtschaftsgeschichte zu geben.

Ausgehend von unterschiedlichen Vorstellungen russischer Kaufleute des 19. Jahrhunderts darüber, inwieweit ethnische Differenzen Chancen oder Gefahren für die wirtschaftliche Prosperität des Reiches bereithielten, analysierte der MICHEL ABESSER (Freiburg) wirtschaftliche Interaktionen und Konflikte zwischen der armenischen Gemeinschaft und ihren russischen Nachbarn in Rostov am Don. Die spezifischen historischen Erfahrungen stellte er dabei in den größeren Kontext des Russischen Reichs als Imperium. Mit Fokus auf das Don-Delta ging er der Frage nach, inwiefern die Ansiedlung verschiedener ethnischer Gruppen in Neurussland wirtschaftlich erfolgreich war. Zudem eröffnete die Thematik den Blick auf unterschiedliche ethnische Wirtschaftskulturen, deren wechselseitige Beeinflussung an der Peripherie des Imperiums sowie die Frage nach „interethnischer Arbeitsteilung“.

Der Vortrag ARTUR HILGENBERGs (Regensburg), gleichzeitig eine Einführung in sein laufendes Dissertationsprojekt, widmete sich der Untersuchung des Gemeindebesitzes der Donkosaken. Ausgehend von der Tatsache, dass die Kosaken-Identität in Russland nach wie vor über eine hohe Anziehungskraft verfügt und insbesondere das Donische Heer eine bedeutende Rolle in der russischen Geschichte einnimmt, stand die Frage im Mittelpunkt, welche Faktoren zur Entstehung des Gemeindebesitzes der Donkosaken geführt haben und wie sich dieser bis zu seiner Kodifizierung 1835 entwickelte. Methodisch inspiriert ist das Projekt Hilgenbergs von zwei niederländischen Forschungsprojekten, die sich mit der Geschichte des Gemeindebesitzes in Westeuropa befassen.

MAREN RÖGER (Augsburg) diskutierte Beispiele aus ihrer demnächst erscheinenden Monografie Moderne Peripherie. Ansichten und Aneignungen der Bukowina 1895-1918. Um die Region attraktiver erscheinen zu lassen und einer Verprovinzialisierung durch das Habsburgerreich entgegenzuwirken, setzte die bukowinische Elite auf Ansichtskarten, die sich in Europa zum Ende des 19. Jahrhunderts zur Massenware und zum „ersten globalen Bildmedium“ entwickelten. Röger stellte zwei lokale Postkartenhändler vor, die die Bildwelten der Bukowina durch den Vertrieb ihrer Ware prägten. Anhand der beiden Akteure eröffnete sie Einblicke in die Welt der kleinen Kaufleute. Deutlich wurden hierbei vor allem die große Bedeutung der bildlichen Erzählungen der Bukowina für die visuellen Massenmedien, aber auch deren Schattenseite, wie sie sich beispielsweise in der beiläufigen Zirkulation antisemitischer Ansichtskarten ausdrückt.

BORIS BELGE (Basel) stellte sein Habilitationsprojekt vor, das sich mit dem Odessaer Hafen im 19. Jahrhundert zwischen imperialen Bedingungen und globalem Handel befasst. Obwohl der Hafen Odessas in der historischen Forschung schon immer als Lebensader der Stadt beschrieben wurde, blieb seine Erforschung als Infrastruktur bislang aus. Hier setzte Belge an, indem er unter Bezugnahme auf William Cronons Klassiker Nature’s Metropolis. Chicago and the Great West (1991) aus vergleichender Perspektive die bemerkenswert ähnliche Entwicklung Chicagos und Odessas im 19. Jahrhundert herausarbeitete. Im Zentrum standen dabei die Fragen, welche Faktoren dem Hafen seine Bedeutung verliehen, worin die Gründe für den relativen Abstieg lagen, welche Relevanz der Aufstieg des Mittleren Westens (Chicago) für Odessa hatte, und vor allem worin sich die Spezifik Odessas im Vergleich mit anderen globalen Hafenstädten manifestierte. In der Diskussion kamen die Fragen des Rückständigkeitsparadigmas und der Einbeziehung von Umweltfragen zur Sprache.

LUMINITA GATEJEL (Regensburg) ging in ihrem Vortrag zum Infrastrukturausbau an der Unteren Donau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Frage nach, inwiefern wirtschaftliche Vorstellungen einer reibungslosen Zirkulation von Gütern die technischen Regulierungsarbeiten am Fluss beeinflussten. Nach dem Krimkrieg eilten vor allem britische Ingenieure ins Donaudelta, um eine technische Lösung zu finden, die der Versandung der Mündung ein Ende setzen und damit den internationalen Getreideexport aus den Donaufürstentümern gewährleisten sollte. Das fertiggestellte Deichsystem ermöglichte eine ununterbrochene Verbindung zwischen dem Fluss und dem Meer, weil der Chefingenieur Charles Hartley das „Treiben“ des Wassers in seinen technischen Plänen einkalkuliert hatte. Nachfragen bezogen sich auf die politische und ökonomische Kontextualisierung des Themas.

Die bisherige Forschung zum Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), der 1949 als sozialistische Antwort auf den Marshallplan gegründet wurde, konzentrierte sich vorwiegend auf dessen Integrationsbestrebungen. Deshalb stellte ERIK RADISCH (Leipzig) in seinem Vortrag, der Einblicke in sein laufendes Promotionsprojekt gab, Aushandlungsprozesse und Herrschaftsstrukturen innerhalb des RGWs dar. Unter Heranziehung des Imperium-Begriffes analysierte er Binnenbeziehungen im RGW als konkrete Ausformung imperialer Strukturen. Die imperiale Betrachtungsweise ermöglichte eine Neuinterpretation des RGW. So erklärte Radisch den Wandel in den Wirtschaftsbeziehungen der RGW-Staaten anhand der sich ändernden imperialen Herrschaftsverhältnisse – von einem auf Berater gestützten „quasi formalen Imperium“ in der Stalin-Ära hin zu einem konsensorientierten „informalen Imperium“ nach Stalins Tod.

MAX TRECKER (Berlin) beleuchtete die wirtschaftliche Seite des Kalten Krieges. Am Beispiel der indischen Stahlindustrie erörterte er, wie und weshalb sich sowjetische und mittelosteuropäische Projekte vor Ort im Vergleich zur westlichen Konkurrenz zuweilen als erfolgreicher erwiesen. Anhand des Vergleiches spezifischer Projekte, z.B. der Errichtung eines Stahlwerkes in Rourkerla in den 1950er und 1960er Jahren oder eines Stahlwerkes in Viashkaptan in den 1980er Jahren (das letzte große Projekt im indischen Schwerindustriesektor) veranschaulichte Trecker, dass die sowjetische Projektleitung teilweise fähiger und flexibler war, indische Interessen zu berücksichtigen als westliche Unternehmen, was eine lebhafte Zusammenarbeit zwischen Ost und Süd entstehen ließ. Obwohl nicht jedes Projekt der sowjetisch-indischen Zusammenarbeit von Erfolg gekrönt war, stellte der Beitrag die These vom stetigen Niedergang des Staatssozialismus durchaus in Frage.

In seinem Abschlusskommentar bezog sich UWE MÜLLER (Leipzig) auf den Tagungstitel und fragte, wie die darin enthaltenen Begriffe „Wirtschaftsgeschichte“ und „Imperium“ zueinander stehen. Er plädierte für ein offenes Verständnis von Wirtschaftsgeschichte als Teildisziplin sowohl der Wirtschaftswissenschaft als auch der Geschichtswissenschaft, die neben quantifizierenden Methoden auch kulturelle Aspekte des Wirtschaftslebens berücksichtigt. Aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft ist der imperiale Bezugspunkt wichtiger, da er Auskunft über die Beziehungen zwischen Zentren und Peripherien, über die Vergabe von Sonderrechten an soziale oder ethnische Gruppen oder die Entscheidung zu Gunsten bestimmter Transportrouten gibt. Ein zweiter nicht zu vernachlässigender Aspekt betrifft die Nachwirkung von Imperien, etwa in der Pfadabhängigkeit der Infrastruktur oder der Rechtskultur oder in populären Darstellungen etwa auf Postkarten.

Konferenzübersicht:

Michel Abeßer (Freiburg): Glaube, Ethnie, Stand. Multiethnizität und wirtschaftliche Entwicklung der imperialen Peripherie am Beispiel Rostov am Don im 18. und 19. Jahrhundert

Artur Hilgenberg (Regensburg): Die Common-Pool Ressource der Donkosaken. Eine Institutionenanalyse

Maren Röger (Augsburg): Business mit Bildern: Kaufleute in der Bukowina um 1900

Boris Belge (Basel): Von Petersburg nach Chicago, oder: Der Hafen von Odessa in und zwischen imperialem und globalem Handel

Luminita Gatejel (Regensburg): Warenfluss und Wissenstransfer. Infrastrukturausbau an der Unteren Donau im 19. Jahrhundert

Guido Hausmann (Regensburg): Kommentar

Erik Radisch (Leipzig): Der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe als Konsensimperium

Max Trecker (Berlin): Jenseits von Erdöl, Gas und Diamanten. Die Rolle der sowjetischen Wirtschaft beim Aufbau der indischen Stahlindustrie

Julia Obertreis (Erlangen-Nürnberg): Kommentar

Uwe Müller (Leipzig) / Richard Frensch (Regensburg): Schlusskommentare

Citation
Tagungsbericht: Wirtschaftsgeschichten in imperialen Kontexten, 13.02.2020 – 14.02.2020 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 20.06.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8792>.