Zwischen nationalen und transnationalen Erinnerungsnarrativen

Place
Regensburg
Host/Organizer
Lena Dorn, Marek Nekula und Václav Smyčka
Date
23.11.2018 - 25.11.2018
By
Lena Dorn

Im Zuge der europäischen Integration nach 1989 schien es, als könnten die transnationalen Erinnerungskulturen in Europa die nationalen ablösen. An den Kontroversen um die Gewichtung und Verknüpfung von Erinnerungen an Holocaust und Gulag oder um die Erinnerung an den Tag des „Sieges“ (E. Makhotina), der im Osten mit der Etablierung eines weiteren totalitären Regimes verknüpft wurde, zeigte sich allerdings bald, dass die national geprägten Erinnerungstraditionen zwischen Ost und West einen langen Atem haben und dass etwa das Modell der konzentrischen Kreise der europäischen Erinnerungskulturen (C. Leggewie) keine wirkliche Mitte findet. Vielmehr wird an Modellen des unterschiedlichen Umgangs mit der Vergangenheit im östlichen Europa (S. Troebst, J. Kubik & M. Bernhard) deutlich, dass nicht einmal dort Gemeinsamkeiten in nationalen Erinnerungskulturen festzustellen sind. Und da nationale Erinnerungskulturen nicht monolithisch, sondern sozial strukturiert (H. Welzer) und in demokratischen Regimen zunehmend pluralistisch (Ch. Cornelißen), von Erinnerungskonkurrenzen geprägt und stets im Wandel befindlich waren und sind, ist der Prozess der Etablierung, Aushandlung und Verwand­lung von transnationalen Erinnerungskulturen nicht nur weitaus komplexer, sondern auch stets offen in Richtung der Renationalisierung und des Geschichtsrevisionismus. Diese Komplexität zwischen Pluralismus und Fragmentierung hat auch mit der Gattungsvielfalt der Erinnerungskulturen zu tun, die Eingang in neue Medien finden, sich darin einem etablierten ordnenden Erinnerungsnarrativ entziehen und dabei an alternative, lokale Erinnerungsdiskurse anschließen. Konsequent wurden diese Fragmentierung einerseits und die Dialogizität und Verflochtenheit andererseits in den letzten Jahrzehnten nicht nur in Literatur, Drama und Film abgerufen. Für den deutschen und tschechischen Kontext wären da etwa G. Grass’ Im Krebsgang (2004), R. Denemarkovás Peníze od Hitlera (2006), M. von Mayenburgs Der Stein (2008), J. Topols Chladnou zemí (2009), D. Vondráčeks Dokumentarfilm Zabíjení po česku (2010), J. Haslingers Jáchymov (2011), der Stadtführer Brno účtující (2017) von A. Brummer und M. Konečný u.a.m. Auch in der Theorie (A. Assmann) wird sie neu in Augenschein genommen.

Wie die angeführten Beispiele andeuten, engt der Workshop diese Komplexität und Vielfalt einerseits dadurch ein, dass er die Erinnerungsnarrative fokussiert, die im tschechischen und deutschen Kontext mit Blick auf die verbindenden und trennenden Topoi aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts verhandelt werden, andererseits bleibt er offen in Hinblick auf die Medien, in denen sich diese Narrative artikulieren.

Programm

Freitag 23.11.

17:00 -18:30 Remembering between Trauma and Nostalgia

Petra James (Université libre de Bruxelles): The Spectre and the ‘Haunting Past’: Literary Representations of Central European Dictatorships of the 20th Century

Veronika Pehe (Institute for Contemporary History, Czech Academy of Sciences): Remembering socialism, affirming democracy: cultural memory and the pre-1989 regime in the Czech Republic

Samstag 24.11.

09:00 – 11:15 Semantiken der Vertreibung

Karolina Ćwiek-Rogalska (Instytut Slawistyki Polskiej Akademii Nauk): Long time of exposure. Spacetime(s) of memory in the newest Czech literature dealing with the expulsion of Czech Germans

Alfrun Kliems (Humboldt Universität Berlin): Der absentierte Mann: Zur figurativen Dominanz des Weiblichen in Vertreibungsgeschichten nach 2000 (Denemarková, Katalpa, Tučková)

Evgenia Maleninská (Karlsuniversität Prag): Literarisches Erinnern an die Vertreibung um die Wende in der deutschen Literatur der 1980er und 1990er Jahre

11:30 – 13:00 Populäre Genres

Václav Smyčka (Institut für tschechische Literatur, Akademie der Wissenschaften Tschechien): Globale Genres, lokale Erinnerungen: Vertreibung in den Regionalkrimis

Alexander Kratochvil (GWZO Leipzig): Populäre Genres und Erinnerungskultur: Karel Peckas Roman Dickicht der Angst (Horečka)

14:30 – 16:00 Erinnerungskonkurrenzen und Erinnerungskonflikte

Manfred Weinberg (Karlsuniversität Prag): Von den Grenzen nationaler Erinnerungskulturen, der Unmöglichkeit eines transnationalen und den Chancen eines ‚translationalen‘ Gedächtnisses

Anja Tippner (Universität Hamburg): Nationale Geschichte und transnationale Biographie – Eduard Goldstückers Memoiren im Kontext deutscher, tschechischer und jüdischer Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts

16:30 – 18:00 Holocaust beyond National Narratives

Ljiljana Radonić (Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Österreichische Akademie der Wissenschaften): Terezín and Jasenovac – Czech and Croatian Communist and Post-Communist Narratives

Gertraude Zand (Universität Wien): Jáchym Topols Chladnou zemí und Josef Haslingers Jáchymov – transnationale Erinnerung zwischen poetischer Verfremdung und Vereinnahmung

Sonntag 25.11.

09:30 – 11:00 Chiffren des Nationalen und Transnationalen

Lucie Antošíková (Institut für tschechische Literatur, Akademie der Wissenschaften): Die Geschichte des „kleinen Volkes“ in den Augen des „größten Palastes“

Lena Dorn (Universität Regensburg / Humboldt Universität Berlin): „Voláme Ameriku!“ – Erinnerungsnarrative zwischen Alltagsgeschichte und großer Erzählung

Kontakt

Lena Dorn

Bohemicum, Universität Regensburg
93040 Regensburg

lena1.dorn@ur.de

Citation
Zwischen nationalen und transnationalen Erinnerungsnarrativen, 23.11.2018 – 25.11.2018 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 23.10.2018, <www.hsozkult.de/event/id/termine-38569>.
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Published on
23.10.2018
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