Themenportal „Europäische Geschichte“ (18.-21. Jh.): Newsletter 07/2016

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Siegrist, Hannes - Universität Leipzig

Liebe Leserinnen und Leser von H-Soz-Kult,

nachfolgend finden Sie eine Aufstellung der zuletzt neu ins Themenportal Europäische Geschichte eingestellten Artikel, Essays, Materialen und Quellenauszüge.

Essay/Artikel:

Ramsbrock, Annelie: Das verlorene Geschlecht. Zur Kastration von Sexualstraftätern seit 1945.
Abstract:
Deutschland ist neben der Tschechischen Republik eines von wenigen Ländern Europas, in dem die chirurgische Kastration (Orchiektomie) im Rahmen der Behandlung von Sexualstraftätern bis heute per Gesetz erlaubt ist. Erlassen wurde das Gesetz über die freiwillige Kastration und andere Behandlungsmethoden (KastrG) im August 1969; Anwendung fand die Orchiektomie seitdem nur selten, nicht zuletzt, weil chemische, hormonelle und psychotherapeutische Behandlungsmethoden zunehmend an Bedeutung gewannen. Dennoch: Dass die Bundesrepublik die chirurgische Kastration für Sexualstraftäter überhaupt anbietet, wurde im August 2010 vom Europäischen Ausschuss zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (CPT) beanstandet. Die Delegierten formulierten ihre „grundsätzlichen Bedenken gegen die Anwendung der chirurgischen Kastration als Mittel der Behandlung von Sexualstraftätern“, nachdem sie routinemäßig verschiedene deutsche Gefängnisse besucht und sich über die Umstände der Kastration informiert hatten. Nicht nur, dass die Operation als eine „verstümmelnde“ und „erniedrigende Behandlung“ bewertet wurde, die nicht den internationalen „Behandlungsstandards für die Behandlung erwachsener Sexualstraftäter“ entspreche. Auch wurde zu bedenken gegeben, dass der Eingriff „irreversible körperliche Folgen“ habe; schließlich nehme er „einer Person die Fähigkeit, sich fortzupflanzen“ und könne zu „schwerwiegenden körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen führen.“
Der sich daraus ergebenden Empfehlung des Europarates an die Bundesrepublik Deutschland, „die Anwendung der chirurgischen Kastration im Rahmen der Behandlung von Sexualstraftätern in allen Bundesländern einzustellen“, kam die Bundesregierung bis heute nicht nach. Stattdessen verfasste sie ihrerseits eine Stellungnahme, in der sie erklärte, dass die Kastration von Sexualstraftätern keine Strafe und auch keine erniedrigende Behandlung sei, sondern der „Heilung oder zumindest Linderung von schwerwiegender Krankheiten, seelischen Störungen oder Leiden, die mit dem abnormen Geschlechtstrieb des Betroffenen zusammenhängen“ diene. ….
In: Themenportal Europäische Geschichte (2016), URL: <http://www.europa.clio-online.de/2016/Article=759>.

Köhler, Ingo: Europa im Bann der Ölpreiskrise 1973/74. Energie-, Sicherheits- und Einigungspolitik im Spannungsfeld.
Abstract:
Energiekrisen begleiten die Moderne. Sie sind zugleich Ausdruck und Folge sich verändernder Produktions- und Verbrauchsmuster in der Moderne. Aus rein ökonomischer Sicht basieren Energiekrisen meist auf einem einfachen Wirkmechanismus, bei dem Verknappung zu Preisanstieg führt. So sind die in der publizistischen Öffentlichkeit viel diskutierten Ölkrisen, die Europa und die Welt in den 1970er-Jahren und erst jüngst wieder in ihrem Bann hielten, treffender mit dem Begriff der Ölpreiskrisen zu beschreiben.
Das Öl vollzog im Verlauf des 20. Jahrhunderts einen eindrucksvollen Aufstieg zur wichtigsten Energiequelle der Welt und verwies die beiden ebenfalls fossilen Brennstoffe Kohle und Erdgas auf die Plätze. Zudem revolutionierte es als chemischer Grundstoff die Alltags- und Konsumwelten. Zahlreiche neue Produkte basierten auf ihm – von Joghurtbechern und Legosteinen, Schaumstoffen, Farben und Lacke, über Medikamente, Körperlotionen, Shampoo und Haushaltsreinigern bis hin zu Düngemitteln und Pestiziden in der Wertschöpfungskette der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie. Allein die große Vielfalt der Nutzungsformen lässt den Historiker rasch von einseitigen ökonomischen Interpretationen der Ölpreiskrisen abkehren. Es muss darum gehen, die komplexen Ursachen für die reale oder auch nur imaginierte Verknappung des ‚Treibstoffs der Moderne‘ zu analysieren.
Als ein Erklärungsmuster mag die Tendenz westlicher Massenkonsumgesellschaften herhalten, in Energiefragen ‚über ihre Verhältnisse‘ zu leben; den Verbrauch zugunsten des kurzfristigen Bedarfs über das langfristig verfügbare Angebot auszudehnen. Der Schweizer Umwelthistoriker Christian Pfister hat für dieses Phänomen das eingängige Schlagwort des „1950er Syndroms“ geprägt. Er zeigt, dass es in einer Phase nach dem Zweiten Weltkrieg, in der genug Öl gefördert und die Preise niedrig gehalten werden konnten, zu einer Entgrenzung des Konsums kam. Kollektive gesellschaftliche Werte der Sparsamkeit und Nachhaltigkeit schienen den modernen Industriestaaten verloren zu gehen. Wie groß aber waren und sind die Ölreserven wirklich? Die Frage, wann eine Verknappung des nicht-regenerativen Rohstoffs Öl eintreten werde, geriet spätestens mit den düsteren Prognosen des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ in die Diskussion. ….
In: Themenportal Europäische Geschichte (2016), URL: <http://www.europa.clio-online.de/2016/Article=763>.

Material/Quellenauszug:

Auszug des Gesetzentwurfs über die freiwillige Kastration und andere Behandlungsmethoden (8. Januar 1969). In: Themenportal Europäische Geschichte (2016), URL: <http://www.europa.clio-online.de/2016/Article=760>.

Verlautbarung der Konferenz der Staats- und Regierungschefs der EG in Kopenhagen (14. und 15. Dezember 1973). In: Themenportal Europäische Geschichte (2016), URL: <http://www.europa.clio-online.de/2016/Article=764>.

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Im Namen der Herausgeberinnen und Herausgeber des Themenportals wünschen ich Ihnen erfolgreiche wie auch erholsame Semesterferien.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Hannes Siegrist (Leipzig), Sprecher des Herausgeberkollegiums

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Citation
Themenportal „Europäische Geschichte“ (18.-21. Jh.): Newsletter 07/2016, in: H-Soz-Kult, 15.07.2016, <www.hsozkult.de/webnews/id/websites-551>.