Das Verhältnis zwischen (Zentral-)Europa und Muslim:innen Südosteuropas

: Muslims and the Making of Modern Europe Oxford 2022 : Oxford University Press, ISBN 9780197538807 360 S. £ 26.99

Šístek, František (Hrsg.): Imagining Bosnian Muslims in Central Europe. Representations, Transfers and Exchanges. New York 2021 : Berghahn Books, ISBN 978-1-78920-774-3 302 S. $ 145.00 / £ 107.00

Reviewed for H-Soz-Kult by
Ninja Bumann, Institut für Osteuropäische Geschichte, Universität Wien

In den letzten Jahren stieg in der geschichtswissenschaftlichen Forschung das Interesse am Islam und an muslimischen Gesellschaften im post-osmanischen Südosteuropa. Der „lange Sommer der Migration“ von 2015 dürfte, so zumindest František Šístek (S. 3), wesentlich dazu beigetragen haben. Gerade in Zentraleuropa war diese Entwicklung eng mit diskursiven Ausgrenzungen von Muslim:innen und deren angeblicher „Fremdheit“ in Europa verknüpft. Beide hier rezensierten Werke versuchen, diesen häufig politisch instrumentalisierten gesellschaftlichen Debatten aus einer historischen Perspektive Widerstand zu leisten. Dabei zeigen sie deutlich auf, dass Muslim:innen bereits seit Langem ein inhärenter Bestandteil (zentral-)europäischer Geschichte sind.

Der von František Šístek herausgegebene Sammelband Imagining Bosnian Muslims in Central Europe behandelt in 13 interdisziplinären Beiträgen die Begegnungen und Austauschbeziehungen zwischen Bosnien-Herzegowina und Zentraleuropa, das hauptsächlich – aber nicht ausschließlich – als der Raum der Habsburgermonarchie und deren Nachfolgestaaten aufgefasst wird. Hierbei legt er dar, dass diese Transfers und Verflechtungen die bosnisch-muslimische Identität und deren Repräsentation seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wesentlich geprägt haben.

Die chronologisch angeordneten Artikel behandeln zum Großteil die Zeit der österreichisch-ungarischen Herrschaft, wobei einzelne Beiträge ebenso die Zwischenkriegszeit sowie die Entwicklungen ab den 1980er-Jahren thematisieren. Inhaltlich dominieren Analysen zur Darstellung und Repräsentation von Muslim:innen in deutschen, tschechischen, kroatischen, österreichischen, slowenischen und serbischen Diskursen. Der Sammelband vereint so verschiedene nationale und regionale Perspektiven auf bosnische Muslim:innen. Damit werden auch bisher eher vernachlässigte nationale Milieus, wie etwa der tschechische (Ladislav Hladký und Peter Stehlík, František Šístek), slowenische (Alenka Bartulović), serbische (Marija Mandić) oder kroatische (Bojan Baskar, Charles Sabatos, Oliver Pejić) Kontext, berücksichtigt. Die einzelnen Analysen zeigen auf, dass die Darstellungen bosnischer Muslim:innen auch in diesen Kreisen nicht wesentlich von dem dominierenden Balkanismus und „Grenz-Orientalismus“1 abwichen, wonach bosnische Muslime als die „guten Orientalen“ fungierten, ihnen aber nur eine abgestufte „Europäizität“ zugeschrieben wurde. Während sich jedoch diese Konzepte fast ausschließlich auf Diskurse über Männer beschränken, berücksichtigen einzelne Artikel des Sammelbandes auch Darstellungen bosnisch-muslimischer Frauen: Šístek zeigt beispielsweise auf, dass bosnische Musliminnen in tschechischen Diskursen zumeist als gesellschaftlich unterdrückt dargestellt wurden (S. 138f.), und Gabriel schildert die negative Beschreibungen von Bosnierinnen, die am bewaffneten Widerstand gegen den habsburgischen Okkupationsfeldzug 1878 teilnahmen (S. 67, S. 69). Darüber hinaus widmen sich die Beiträge von Sabatos und Baskar den Werken von Rebecca West und Vera Stein Erlich und somit explizit von Frauen verfassten Schriften. Der Sammelband beschränkt sich aber nicht nur auf diskursanalytische Beiträge: Clemens Ruthner etwa gibt einen Überblick über die Historiographie zur habsburgischen Herrschaft in Bosnien-Herzegowina und geht der Frage nach, inwiefern diese als Kolonialherrschaft zu klassifizieren ist. Er vertritt die Ansicht, dass die österreichisch-ungarische Intervention in Bosnien-Herzegowina als Form eines österreichischen „quasi-Kolonialismus“ aufzufassen sei, der als Ersatz für Übersee-Kolonien in Afrika und Asien gedient habe. Zora Hesová wiederum beschreibt die „Modernisierung“ und „Säkularisierung“ islamischer Institutionen unter habsburgischer Verwaltung und betont, dass die „Austrian legacy“ die heutige bosnisch-herzegowinische islamische Glaubensgemeinschaft noch immer nachhaltig präge. Die zeitgenössischen Interaktionen zwischen Zentraleuropa und bosnischen Muslim:innen werden in den letzten beiden Kapiteln eingehender beleuchtet: Anhand des Beispiels junger Menschen bosnisch-muslimischer Herkunft in Berlin zeigt Aldina Čemernica auf, dass diese Gruppe häufig überlagernde regionale, religiöse und nationale Identitäten aufweist. Merima Šehagić wiederum hinterfragt kritisch die weitläufig positiv dargestellte Integration bosnischer Muslim:innen in Deutschland. Sie regt anhand theoretischer Ansätze von Sara Ahmed zur Konstruktion von „whiteness“ sowie von Talal Asad zur „racialization“ von Muslim:innen dazu an, bei der Analyse von Selbst- und Fremdidentitäten bosnischer Muslim:innen das Zusammenspiel verschiedener Kategorien und neben dem Faktor Religion ebenso die Rolle von „race“ und deren Konstruktion mitzudenken. Durch diese vielfältigen Beiträge hebt der Sammelband die bedeutende Rolle der komplexen und asymmetrischen Wechselbeziehungen zwischen Bosnien-Herzegowina und Zentraleuropa für die Imagination, Darstellung und Identität(en) bosnischer Muslim:innen hervor.

Auch Emily Grebles Werk Muslims and the Making of Modern Europe knüpft an den oft als ambivalent wahrgenommenen Status südosteuropäischer Muslim:innen an, die zwar eine autochthone Gruppe Europas darstellen, deren Religionszugehörigkeit aber bei der Herausbildung neuer (national-)staatlicher Gebilde ab dem späten 19. Jahrhundert mehrere rechtliche Fragen und Hürden aufwarf. Die chronologisch aufgebaute Monographie gliedert sich in drei Teile mit insgesamt neun Kapiteln. Der erste Teil behandelt die „lange post-osmanische Transition“ 1878–1921 und untersucht in vier Kapiteln, wie die aus dem Berliner Vertrag von 1878 resultierenden staatsbürgerlichen Rechte für Muslim:innen in Südosteuropa in der Praxis implementiert wurden. Greble analysiert, dass die staatsbürgerlichen Rechte für Muslim:innen und deren Aushandlung auf drei Aspekten beruhten: politischer Repräsentation, Eigentumsrechten und religiöser Freiheit. Diese Rechte, so die Autorin, seien jedoch vor allem als konfessionelle Privilegien verstanden worden und warfen daher die Frage auf, wie bestehende islamische Institutionen in die neuen staatlichen Strukturen integriert werden konnten und in welchen Bereichen Muslim:innen konfessionelle Autonomie gewährt werden sollte.

Der zweite Teil beleuchtet, wie die aus den Friedensverträgen von 1919 resultierenden Minderheitenrechte für Muslim:innen im Rahmen des jugoslawischen Nationsbildungsprozesses in der Zwischenkriegszeit in die Praxis umgesetzt und ausgehandelt wurden. Durch die Einbindung in staatliche Strukturen sollten islamische Institutionen wie die Schariagerichte oder Waqfs (islamische Stiftungen) kontrolliert und „modernisiert“ sowie die diversen muslimischen Gemeinschaften, die sich sprachlich, ethnisch und kulturell unterschieden, zu einer homogenen rechtlichen Gruppe geeint werden. Gleichzeitig zeigt Greble auf, dass lokale Muslime sowohl auf politischer als auch religiöser Ebene eine wesentliche Rolle in der Ausgestaltung dieser Aspekte spielten. Die Darstellung hebt hier wie auch im restlichen Buch jedoch lediglich männliche muslimische Akteure hervor, obwohl an einzelnen Stellen durchaus die Situation von Frauen abseits der Politik erwähnt wird. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass Frauen der Zugang zur Politik aufgrund des fehlenden Wahlrechts versagt war und Musliminnen trotz relevanter gesellschaftlicher Änderungen in der Zwischenkriegszeit nur vereinzelt und lediglich auf der lokalen Ebene in religiösen und kulturellen Vereinen aktiv waren.2 Durch die Königsdiktatur ab 1929 kam das Konzept der Minderheitenrechte für Muslim:innen allerdings unter Beschuss und mit der Aufteilung Bosnien-Herzegowinas anlässlich des Cvetković-Maček-Abkommens 1939 kam es zu einem Ausschluss bosnischer Muslime aus der politischen Entscheidungsriege.

Der dritte Teil untersucht die politische und rechtliche Lage jugoslawischer Muslim:innen in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und in den Anfangsjahren des sozialistischen Regimes. Die Autorin zeigt, dass die lokalen Muslime als Antwort auf die komplexen Kriegsdynamiken politische Autonomie und islamisch-rechtliche Souveränität forderten und einige Angehörige der jugoslawischen muslimischen Elite auch eine Allianz mit dem faschistischen NS-Regime in Betracht zogen. Das letzte Kapitel, das den dritten Teil abschließt, beschreibt den Aufbau einer neuen jugoslawischen Gesellschaft nach Kriegsende unter Josip Broz Tito. Dabei wurden 1946 die bisherigen islamischen Rechtsstrukturen abgeschafft. Greble resümiert daraus, dass der Islam nun nicht mehr als rechtliche, sondern lediglich als soziale und kulturelle Frage verstanden wurde.

Beide Werke gehen somit der Frage nach der Identität und Klassifizierung von Muslim:innen Bosnien-Herzegowinas beziehungsweise Südosteuropas nach und machen ein Spannungsverhältnis zwischen dem Islam und Europa sichtbar. Gerade in dem von František Šístek edierten Sammelband wird deutlich, dass bosnische Muslim:innen seit 1878 verstärkt in zentraleuropäischen Diskursen präsent waren, dabei einem „Othering“ unterlagen und als das europäische „Andere“ imaginiert wurden. Während der Islam als zentrales Differenzmerkmal hervorgehoben wird, behandeln die Beiträge durchaus auch weitere relevante Kategorien: Neben Merima Šehagićs Beitrag zur Konstruktion von „whiteness“ legt Alenka Bartulović dar, dass bosnische Muslim:innen in Slowenien der 1990er-Jahre keine homogene Gruppe bildeten und sozioökonomische Unterschiede ebenso relevant waren. Somit wird deutlich, dass Inklusions- und Exklusionsmechanismen gerade im Falle bosnischer Muslim:innen je nach Kontext häufig variierten und deren Zugehörigkeit zu (Zentral-)Europa ambivalent sein konnte. Durch den vom Herausgeber intendierten und durchaus berechtigten Fokus auf ausschließlich bosnische Muslim:innen suggeriert der Sammelband zudem, dass diese Gruppe aufgrund der 40-jährigen habsburgischen Herrschaft ab 1878 eine besonders starke Verflechtung zu Zentraleuropa aufweist. Dabei wird jedoch die Frage offengelassen, inwiefern sich die Darstellungen und Identitäten slawischsprachiger bosnischer Muslim:innen zu denen anderer muslimischer Minderheiten in und um Bosnien-Herzegowina verhielten und unterschieden.

Emily Greble wiederum behandelt die ethnisch, national und sprachlich diversen muslimischen Gruppen Südosteuropas über Staatsgrenzen hinweg. Auch in ihrer Monographie dient das Jahr 1878 als Ausgangspunkt, um die muslimischen Gesellschaften Südosteuropas im Zentrum der europäischen Geschichte zu verorten. Ihr Narrativ geht von den zwei internationalen Verträgen aus, die für die Staatenordnung Europas prägend waren: Dem Berliner Abkommen von 1878 und den Friedensverträgen von 1919 (insbesondere dem Vertrag von Saint-Germain). Indem sie sich auf deren Umsetzung durch Akteure in den neu errichteten post-osmanischen Staaten Südosteuropas beziehungsweise in Jugoslawien fokussiert, zeigt sie auf, dass Muslim:innen trotz staatsbürgerlicher Rechte als das „rechtliche Andere“ (Muslim Legal Other) behandelt wurden. Gleichzeitig verwendet Emily Greble einen sehr weit gefassten Europa-Begriff, der den emanzipatorischen Nutzen verfolgt, auch die osmanische Vergangenheit Südosteuropas als wesentlichen Teil der europäischen Geschichte darzustellen. Dadurch gerät allerdings in den Hintergrund, dass diese Region im Sinne von Maria Todorovas Balkanismus-Konzept oft in stereotyper Weise als der negative „andere“ Teil Europas wahrgenommen wurde und wird.3 Gleichzeitig geht die Autorin meist nur vage auf die tatsächlichen Entwicklungen unter osmanischer Herrschaft ein. Gerade im Hinblick auf die Modernisierungsprojekte wird dadurch das Jahr 1878 als deren Beginn und damit der „Europäisierung“ Südosteuropas hervorgehoben. Zwar erwähnt die Autorin durchaus, dass ähnliche Reformprojekte auch im Osmanischen Reich stattfanden, die oft partiell bereits vor 1878 begonnen hatten (S. 33–37), jedoch münden diese knappen Verweise häufig in einer impliziten Gegenüberstellung zwischen der „nicht-modernen“ osmanischen Herrschaft und den „modernen“ (mehrheitlich christlichen) europäischen Regierungen. Ebenso werden hiermit wesentliche Strukturmerkmale Südosteuropas, die die Region auch nach 1878 von Zentraleuropa unterschieden – darunter etwa das Nachwirken osmanischer Staats- und Rechtsstrukturen außerhalb des islamischen Rechtssystems –, aus dem Blickfeld gerückt.4

Diese Aspekte werfen die Frage auf, inwieweit das Jahr 1878 überhaupt als Zäsur zu verstehen ist. Die beiden rezensierten Werke legen nachvollziehbar dar, dass die mit dem Berliner Kongress 1878 eingeleitete neue Staatenordnung einen wesentlichen Umbruch bedeutete. Sie weisen aber ansatzweise darauf hin, dass die osmanische Vergangenheit und die Zeit vor 1878 dennoch Berücksichtigung finden sollten. So bietet der Sammelbandbeitrag von Ladislav Hladký und Petr Stehlík einen chronologischen Rückgriff auf frühmoderne tschechische Darstellungen der sogenannten „Türkengefahr“. Obwohl die Länder der böhmischen Krone nicht direkt von der militärischen Konfrontation zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich betroffen waren, zeichneten tschechische Diskurse zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ein negatives Bild osmanischer Muslime, die wohl in Übernahme der damaligen Diktion auch von den Autoren selber durchwegs als „Türken“ bezeichnet werden. Auch das Sammelbandkapitel des Kulturanthropologen Božidar Jezernik zeigt anhand des sogenannten osmanischen millet-Systems und dessen Einfluss auf die nationale Verortung bosnischer Muslim:innen historische Kontinuitäten über das Jahr 1878 hinaus auf. Anhand zahlreicher Berichte von Zeitgenoss:innen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert analysiert der Autor, wie konfessionelle Privilegien lokale Identitäten entlang religiöser Trennlinien formten. Dieser Beitrag zeigt jedoch auf, dass die Periodisierung oftmals auch mit disziplinären Grenzen einhergeht. Denn Jezernik konsultierte kaum Forschungsliteratur von Expert:innen zur Geschichte des Osmanischen Reiches und reproduziert den von Benjamin Braude aufgedeckten „Gründungsmythos“ des millet-Systems durch Mehmed II. (S. 42f.). Dabei lässt er außer Acht, dass die vom Sultan gewährten Privilegien häufig auf Ad-hoc-Vereinbarungen beruhten und im Laufe der Jahrhunderte wesentlichen Änderungen unterlagen – genauso wie der Begriff millet je nach Zeit und Kontext unterschiedliche Bedeutungen aufweisen konnte.5 Auch Emily Greble verweist in ihrer Monographie immer wieder auf osmanische Rechtskonzepte und Reformen, die jedoch zumeist relativ vage bleiben. So könnte zum Beispiel im Hinblick auf die osmanischen Tanzimat-Reformen (z.B. S. 33, S. 36) genauer ausgeführt werden, dass diese nicht nur eine Übernahme europäischer Rechtsnormen und -strukturen einleiteten, sondern auch bereits zu einer Eingrenzung des islamischen Rechtsbereichs im Osmanischen Reich führten.6

Beide Werke bieten eine Vielzahl neuer Perspektiven auf muslimische Gesellschaften in Südosteuropa, die an verschiedene Forschungsfelder anknüpfen. Der Sammelband Imagining Bosnian Muslims in Central Europe konzentriert sich vor allem auf diskursanalytische Ansätze. Das Hauptverdienst des Bandes liegt darin, dass nicht nur die bereits vielfach untersuchten deutschsprachigen Texte zu Bosnien-Herzegowina in den Blick genommen werden, sondern verschiedene nationale Diskurse Zentraleuropas, was auch komparative Betrachtungen ermöglicht.

Während hier aber überwiegend eine Außenperspektive auf muslimische Gemeinschaften dargestellt wird, versucht Emily Greble wiederum im Sinne des „Law and Society“-Paradigmas, den sozialen Kontext von Recht zu erfassen und die Erfahrungen von Muslim:innen in den Vordergrund zu rücken. Sie verfolgt dabei „a narrative gaze where subjects come before the state“ (S. 12). Die Autorin stützt ihre Untersuchung auf Archivquellen und publizierte Berichte in bosnischer/kroatischer/serbischer/montenegrinischer Sprache sowie teilweise auf diplomatische Berichte, in denen sie die Stimmen und Handlungsmacht lokaler „powerbrokers“, die vor allem in der Gestalt islamischer Rechtsgelehrter auftauchen, hervorhebt. Mit dieser Quellenbasis sowie der eher englischlastigen verwendeten Forschungsliteratur bildet die Autorin nur in Ansätzen die linguistische Vielfalt muslimischer Gemeinschaften ab. Gleichzeitig verknüpft sie gekonnt eine Vielzahl anekdotischer Quellenbeispiele zu einer anschaulichen und ansprechenden Erzählung, wodurch das Buch sowohl Fachkreise als auch ein breites nicht-akademisches Publikum anspricht. Leser:innen, die sich eine detaillierte Studie zur Institutionalisierung islamischen Rechts im post-osmanischen Südosteuropa erhoffen, könnten hier aber zu kurz kommen. So geht die Autorin nur marginal auf die islamische Rechtspraxis und -normen ein; dementsprechend fasst sie auch einzelne Rechtsinterpretationen häufig als allgemeine Vorgaben des „Schariarechts“ beziehungsweise islamischen Rechts zusammen (vgl. etwa die Fallbeispiele auf S. 1, S. 207, S. 239f.). Die Lektüre von Emily Grebles Werk ist dennoch für Historiker:innen, die sich mit dem Islam in Südosteuropa beschäftigen, absolut empfehlenswert. Diese Studie bietet einige neue Denkanstöße zur Erforschung islamischer Institutionen unter nicht-muslimischer staatlicher Herrschaft, indem sie die unterschiedlichen Auslegungen und Umsetzungen von europäischen Minderheitenrechten für Muslim:innen in Südosteuropa aufzeigt.

Die beiden rezensierten Werke leisten insgesamt einen wichtigen und relevanten Forschungsbeitrag zu bosnischen/südosteuropäischen muslimischen Gemeinschaften und ihren Interaktionen mit Zentraleuropa. Sie zeigen dabei auf, dass dieses Verhältnis oft ambivalent war, wobei der Islam in Diskursen sowie in rechtlichen Kategorien ein wichtiges Differenzmerkmal darstellte. Gleichzeitig werden in beiden Büchern die Herausforderungen sichtbar, die die Erforschung der Wechselwirkungen zwischen südosteuropäischen Muslim:innen und Zentraleuropa mit sich bringt: So lassen sie die Frage offen, wie die Ähnlichkeiten und Differenzen (insbesondere in sprachlicher, ethnischer und kultureller Hinsicht) innerhalb und zwischen den verschiedenen muslimischen Gemeinschaften sinnvoll erfasst und analysiert werden können. Genauso sollte die Periodisierung und insbesondere der starke Fokus auf 1878 als Zäsur hinterfragt werden. Gerade hier wäre es wünschenswert, wenn zukünftige Studien noch stärker die osmanische Vergangenheit und die anhaltenden Verflechtungen mit dem Osmanischen Reich nach 1878 berücksichtigen würden, wie dies etwa rezente Arbeiten zu muslimischen Reformintellektuellen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Südosteuropa gewinnbringend getan haben.7

Anmerkungen:
1 Siehe Andre Gingrich, Grenzmythen des Orientalismus. Die islamische Welt in Öffentlichkeit und Volkskultur Mitteleuropas, in: Erika Mayr-Oehring / Elke Doppler (Hrsg.), Orientalische Reise. Malerei und Exotik im späten 19. Jahrhundert, Wien 2003, S. 110–129.
2 Vgl. Fabio Giomi, Making Muslim Women European, Budapest 2021.
3 Siehe Maria Todorova, Imagining the Balkans, 2., überarb. Aufl., New York 2009 (1. Aufl. 1997).
4 Einen exemplarischen Überblick über dieses osmanische Rechtserbe bieten die Beiträge des folgenden Sammelbandes: Thomas Simon (Hrsg.), Konflikt und Koexistenz. Die Rechtsordnungen Südosteuropas im 19. und 20. Jahrhundert, Band II: Serbien, Bosnien-Herzegowina, Albanien, unter Mitarbeit von Gerd Bender und Jani Kirov, Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 305, Frankfurt am Main 2017.
5 Vgl. Benjamin Braude, Foundation Myths of the Millet System, in: Benjamin Braude / Bernard Lewis (Hrsg.), Christians and Jews in the Ottoman Empire. The Functioning of a Plural Society, New York 1982, S. 69–88.
6 Vgl. hierzu bspw. Niyazi Berkes, The Development of Secularism in Turkey, Montreal 1964, bes. S. 155–200.
7 Siehe Leyla Amzi-Erdoğdular, Alternative Muslim Modernities. Bosnian Intellectuals in the Ottoman and Habsburg Empires, in: Comparative Studies in Society and History 59 (2017), S. 912–943; Harun Buljina, Empire, Nation, and the Islamic World. Bosnian Muslim Reformists Between the Habsburg and Ottoman Empires, 1901–1914, Dissertation, Columbia University, 2019; Dennis Dierks, Scripting, Translating, and Narrating Reform. Making Muslim Reformism in the European Peripheries of the Muslim World at the Turn of the 19th Century, in: Evely Dierauff u.a. (Hrsg.), Knowledge on the Move in a Transottoman Perspective. Dynamics of Intellectual Exchange from the Fifteenth to the Early Twentieth Century, Göttingen 2021, S. 157–222; Milena B. Methodieva, Between Empire and Nation. Muslim Reform in the Balkans, Stanford 2021.

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23.06.2023
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