W. Yiching: Die andere Kulturrevolution

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Title
Die andere Kulturrevolution. 1966–1969: Der Anfang vom Ende des chinesischen Sozialismus


Author(s)
Yiching, Wu
Editor(s)
Ruckus, Ralf
Published
Extent
330 S.
Price
€ 25,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Felix Wemheuer, Ostasiatisches Seminar, China-Studien, Universität zu Köln

Bis heute ist in der Volksrepublik China die Debatte zur Kulturrevolution (1966-1976) nicht abgeschlossen und die Bewertung von Mao Zedongs folgenreichster Massenkampagne hoch umstritten. Die wissenschaftliche Forschung, die in der Regel im Westen oder Hongkong erscheint, hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe wichtiger Studien hervorgebracht. Da das Zentralparteiarchiv in Peking weiterhin für Wissenschaftler außerhalb des innersten Zirkels der Machtelite nicht zugänglich ist, können neue Erkenntnisse vor allem auf den Gebieten der Sozial- und Lokalgeschichte gewonnen werden.[1] Wu Yiching ist assoziierter Professor für Ostasienwissenschaften an der Universität von Toronto. In dem vorliegenden Buch geht der Autor der Rebellenbewegung an den sozialen Rändern chinesischen Gesellschaft nach. Diese Gruppen nahmen Maos Aufruf vom Herbst 1966 zur Rebellion gegen „die Machthaber des kapitalistischen Weges innerhalb der Partei“ nicht nur ernst, sondern gingen weit darüber hinausgingen. Es entstand eine rebellische Massenbewegung von unten. Deren radikalen Kräfte forderten sogar die Zerschlagung des bürokratischen Staatsapparates und die Errichtung von Kommunen. In den USA erschien Wu Yichings Werk bei Harvard University Press 2014. Auf dem deutschsprachigen Markt hat es der Wiener Verlag „Mandelbaum“ herausgebracht. Übersetzt ins Deutsche wurde es von dem politischen Aktivisten Ralf Ruckus, der schon eine Reihe Bücher von nordamerikanischen China-Wissenschaftlern herausgeben hat.

Dass die Kulturrevolution auch ein Machtkampf an der Parteispitze war, ist hinreichend bekannt. Wu zeigt hingegen, dass viele einfache Chinesen die Massenbewegung nutzen, um ihre eigenen Forderungen zustellen. Zwischen Herbst 1966 und Sommer 1968 erlaubte die Parteiführung „den Massen“ eigene Organisationen zu bilden und Zeitungen herauszugeben. Die neuen Freiräume wurden jedoch nicht immer im Sinne der Parteiführung genutzt. Wu analysiert wichtige Bewegungen an den Fallbeispielen der Hauptstadt Peking, dem Industriezentrum des Landes, an Shanghai und der Provinz Hunan. Diese Fälle sind den damaligen Aktivisten und wissenschaftlichen Experten der Kulturrevolution wohl bekannt. Wus Verdienst besteht darin, das er systematisch zeigt, wie sich aus diesen Bewegungen eine Kritik der „neuen Klasse“, sprich der Staatsbürokratie, entwickelte, die das Potential zur neuer Erneuerung des chinesischen Sozialismus von unten hatte.

In Peking löste Anfang 1967 die Kritik an der Diskriminierung von Jugendlichen mit „schlechtem Familienhintergrund“ durch eine Rebellengruppe um Yu Luoke ein landesweites Echo aus. Sie argumentierte, dass alle Jugendlichen gleichberechtigt an der Kulturrevolution teilnehmen sollen können, selbst wenn ihre Eltern vor 1949 „Kapitalisten“ oder „Großgrundbesitzer“ gewesen waren. Die wahren Gegner seien die Parteibonzen, die sich und ihren Kindern weitgehende Privilegien im Verteilungs- und Bildungssystem gesichert hatten. Wu versucht, diese rebellische Kritik vor einer Vereinnahmung von bürgerlich-liberaler Seite zu verteidigen. Yus Kritik sei weniger als Forderung nach formalen Gleichheit aller Bürger zu lesen, sondern als marxistische Kritik der „neuen Klasse“.

In Shanghai rebellierten im Winter 1966 prekär-beschäftigte Arbeiter, die von der „Eisernen Reisschüssel“ für die Kernbelegschaften der Staatsbetriebe ausgeschlossen waren. Sie nutzten die Kulturrevolution, um eine Festanstellung und Bleiberecht in der Stadt zu fordern. In der Provinz Hunan bildete sich eine breite soziale und politische Rebellenallianz. In ihr forderten Opfer früherer Kampagnen ihre Rehabilitierung oder auf das Land verschickte Jugendliche die Rückkehr in die Städte. Die Hunaner Rebellen sprachen von der Herrschaft einer neuen bürokratischen Klasse, die durch eine neue Volksrevolution gestürzt werden müsse. Wu weist nach, dass Mao hingegen nur das Fehlverhalten einzelnen Bürokraten anprangerte, aber nicht in der Lage war seine Kritik am Apparat als kohärente Klassentheorie zu formulieren. Er sorgte dafür, dass die vielseitige Kritik am Parteiapparat aus der Bewegung immer stärker auf seinen Hauptfeind Liu Shaoqi, dem Staatspräsidenten, eingeengt wurde.

Mao und die Linke in der Parteiführung nutzten zunächst den Schwung der Rebellenbewegungen, um den Angriff auf die lokalen Parteibürokratien zu forcieren. Schon in der ersten Jahreshälfte 1967 ging ihnen das Chaos und die Rebellion von unten zu weit. Mit der „Machtergreifung durch die Linken“ und dem Einsatz der Volksbefreiungsarmee sollte die Ordnung wiederhergestellt werden. Widerspenstige Rebellengruppen wurden nun unterdrückt, Yu Luoke 1970 sogar hingerichtet. Wu argumentiert, dass mit der Verfolgung der Rebellen die maoistische Linke die eigenen Kinder verschlang und damit die vormals explosive Energien der Massenbewegung verbrauchte. Die logische Folge war die Restauration der Herrschaft des Parteiapparates. Das Projekt den chinesischen Sozialismus zu erneuern, war gescheitert. Darum sieht Wu nicht nur im Jahr 1978, der Machtübernahme von Deng Xiaoqing, einen entscheidenden Wendepunkt, sondern schon in der Niederschlagung der Rebellion 1967/68.

Wu zeigt, dass die Kritik der Rebellen an der „neue Klasse“ und Forderungen nach Mitsprache der Massen von den Akteuren der „Demokratiebewegung“ von 1979-80 wieder aufgegriffen wurde. Allerdings nahmen sie die militante maoistische Rhetorik zugunsten von Forderungen nach einer „sozialistischen Demokratie und Rechtsstaat“ zurück. Wu sieht die Bewegung stärker im Erbe der Rebellion von 1967 verwurzelt und nicht als liberale Demokratiebewegung wie sie oft im Westen dargestellt wurde. Auch dieser „Pekinger Frühling“ wurde von der Partei durch Repressionen beendet und laut Wu damit schließlich einer autoritären kapitalistischen Entwicklung der Weg bereitet. Der Autor versteht sein Buch sowohl als Kritik des Kapitals als auch des Staates, sprich „der Logik der ökonomischen Akkumulation und der bürokratischen Macht“. Die kritische Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution sei zentral, um zu verstehen warum der bürokratische Staatssozialismus nicht der Totengräber, sondern der Geburtshelfer der kapitalistischen Entwicklung in China gewesen sei.

Ohne Zweifel ist „Die andere Kulturrevolution“ das bisher beste Werk zur Kulturrevolution in einer westlichen Sprache. Das Buch legt die subversiven und emanzipatorischen Elemente der „anderen Kulturrevolution“ frei. Es ist nicht von Nostalgie oder Verharmlosung geprägt. Wu erkennt den fragmentarischen und provisorischen Charakter der Kritik der Rebellenbewegung. Ihre Aktivisten wollten und konnten damals nicht über eine maoistisches Sprache bei ihrer Forderungen und Ideologie hinauskommen. Kritisch ist anzumerken, dass Wu zu stark zwischen „guten“ sozialen Bewegung und dem „böser“ Staat unterscheidet. Richtig ist, dass Mao viele Rebellen enttäuschte, als er sich im Namen der Ordnung gegen die Bewegung wandte. Umgekehrt zeigte sich aber auch der „große Vorsitzende“ tief enttäuscht, dass sich die rebellische Bewegung vielerorts in endlose, zum Teil sinnlose, Fraktionskämpfe verzettelte, die in extremen Fällen im Bürgerkrieg mündeten. Wu wählt für sein Buch Beispiele von Rebellen, die vom Staat nach 1967 unterdrückt und verfolgt wurden. Durch die Etablierung einer neuen staatlichen Ordnung in Form der Revolutionskomitees integrierte die Parteiführung auch viele Anführer der Bewegung als „Vertreter der Massen“ in den Staatsapparat. Von den Studenten und ihren Fraktionskämpfen desillusioniert, förderte die Führung um Mao ab 1968 besonders die Parteieintritte von Arbeiterrebellen, um den Apparat zu erneuern.

Klar ist wohl auch, dass es für die Etablierung von basisdemokratischen Institutionen nach Vorbild der Pariser Kommune von 1871 in China des Jahres 1967 keine breite Basis in der Bevölkerung gab. Alle politischen Kräfte sahen ihre Kontrahenten als Feinde, die vernichtet werden müssen. Konflikte zwischen Gruppen wurde schnell mit Gewalt ausgetragen, zunächst mit Fäusten und dann auch mit Gewehren. Die kämpfenden Fraktionen beklagten immer nur die Toten und Folteropfer der eigenen Seite. Geschockt von den Geistern, die er ursprünglich selbst gerufen hatte, sah Mao in der zeitweisen Machtübernahme durch die Armee die einzige Möglichkeit sein politisches Projekt des Sozialismus noch zu retten. Am Beispiel Shanghais wird deutlich, dass die These vom „Verrat“ der „anderen Kulturrevolution“ durch die maoistische Führung zu kurz greift. Zwar ließ nach der „Machtergreifung der Linken“ die neue Lokalregierung im Januar 1967 die unabhängigen Rebellengruppen der prekär-beschäftigten Arbeiter auflösen. Eine wichtige Forderung der „verratenen Revolution“ erfüllte die Staatsführung jedoch einige Jahre später. 1971 wurde die Möglichkeit von temporärer Beschäftigung in der Industrie massiv eingeschränkt und Millionen Vertragsarbeiter zu Festangestellten gemacht.[2] Wie Wu schreibt, war es erst die Führung um Deng, die nach 1978 Landwirtschaft und Teile der Industrie privatisierte. Die Arbeitskraft wurde wieder zu einer Waren und die Gesellschaft zunehmend kommerzialisiert. Für die städtische Gesellschaft zeigt Wu überzeugend, dass 1967 der Anfang vom Ende des sozialistischen Projektes in China war, ohne allerdings zu erwähnen, dass viele Bauern schon in der großen Hungersnot (1959-1961) die Hoffnung verloren hatten.

Anmerkungen:
[1] Einige Beispiele: Joel Andreas, Rise of the Red Engineers. The Cultural Revolution and the Origins of China’s New Class, Stanford 2009; Andrew G. Walder, Fractured Rebellion. The Beijing Red Guard Movement, Cambridge, MA 2009; Yang Su, Collective Killings in Rural China during the Cultural Revolution, Cambridge 2011; Feichang yu zhengchang Jin Dalu: Shanghai ‘wenge’ shiqi de shehui shenghuo, Shanghai 2011; Geming zaofan niandai Li Xun, Shanghai wenge yundong shigao, Hong Kong 2015.
[2] Guowuyuan guanyu gaige linshigong, lunhuangong zhidu de tongzhi (gaiyao), November 30 (1971), in: Song Yongyi (Hrsg.), The Chinese Cultural Revolution Database, Hong Kong, 2006.

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28.02.2020
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