M. Gottlob: Historie und Politik im postkolonialen Indien

Title
Historie und Politik im postkolonialen Indien.


Author(s)
Gottlob, Michael
Published
Göttingen 2008: V&R unipress
Extent
443 S.
Price
€ 38,90
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Michael Mann, FernUniversität in Hagen, Historisches Institut

Man stelle sich vor, der Historikerstreit in der Bundesrepublik Deutschland von Mitte 1986 bis Anfang des darauf folgenden Jahres hätte nicht nur ein dreiviertel Jahr gedauert, sondern hätte sich, mit gelegentlichen Abschwächungen und Unterbrechungen, über fast drei Jahrzehnte gezogen. Mehr noch, nicht dass er fast ausschließlich in seriösen Fachzeitschriften ausgetragen worden wäre, nein, seine Protagonisten hätten in den maßgeblichen Wochenzeitungen, politischen Magazinen und der überregionalen Tagespresse regelmäßig publiziert und sich im Fernsehen präsentiert, um sich an eine breite Öffentlichkeit zu wenden. Dieses unseres Land wäre mit großer Wahrscheinlichkeit daran zerbrochen.

Nicht so die Indische Union. Seit der Notstandsregierung, die mit der Abwahl Indira Gandhis als Ministerpräsidentin 1977 zu Ende ging, stritten sich Geschichtswissenschaftler und Historiker aller politischen Couleur um den sinnvollen Gebrauch von Geschichte, sprich der rechten Interpretation, um die immer noch nicht vollendete indische Nation herbeizuführen. Das Notstandsregime ließ das Dilemma, in der die Geschichte zur Indischen Union steckte, offen zu Tage treten. Klar war, dass alle bisherigen Versuche, die Indische Union als indische Nation historiografisch herzuleiten, mehr oder minder unbefriedigend wenn nicht gar gescheitert waren. Scheinbar war auch das nehruvianische Modell vom säkularen Staat auf der Basis von „unity in diversity“ nicht tauglich, um auf ihr eine Nationalgeschichte zu schreiben, denn sie überforderte alle Beteiligten gleichermaßen, seien es hindu-nationale oder säkulare Historiker.

Ein Fluch der britischen Kolonialherrschaft ist zweifelsohne das Repräsentationsprinzip, das auf „Minderheiten“ angewendet wurde, die nach britischer Auffassung eine Religionsgemeinschaft im mehrheitlich hinduistisch geprägten Südasien bildeten. Neben Muslimen, unter die alle möglichen Formen islamischer Glaubenspraxis subsumiert wurden, bildeten Sikhs, Jainas, Buddhisten, Juden und Christen fortan separate Gemeinschaften. Das spiegelte nicht unbedingt indische Realität, wohl aber die Bedürfnisse der britischen Kolonialverwaltung wider. Und so setzte bereits in den 1920er-Jahren, als sich das politische Indien zu formieren und zu positionieren begann, eine deutlich hindu-nationale gegen eine ebenso deutlich muslimische Geschichtsschreibung zu Südasien ein. Trotz aller Bekundungen zum säkularen Staat waren in der unabhängigen Indischen Union die religiösen Hindu-Töne unüberhörbar. Das zeigte sich auch und gerade in den Geschichtsbüchern zu dem neuen Staat.

Offener Streit brach schließlich in den 1990er-Jahren über die universitären und schulischen Lehrbücher aus. Vorausgegangen war die Erstürmung und Demolierung der Babri-Moschee oder Janmanbhumi Mantar in Ayodhya im Dezember 1992. Aufgepeitschte Hindus rissen die angeblich über einem Rama-Tempel errichtete Moschee aus dem Jahr 1526 ab. Hinduistische und Hindu-nationalistische Politiker wie Religionsführer forderten den Wiederaufbau des Tempels, um darüber historisches Unrecht wieder gutzumachen und der Geschichte den angeblich richtigen Verlauf zu geben. (Parallelen zu den gleichzeitig laufenden Debatten um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zur selben Zeit drängen sich geradezu auf!) Bei den Diskussionen um die Geschichte von Tempel und Moschee fiel auf, dass es unterschiedliche Positionen im Gebrauch der Vergangenheit gab, vor allem, wenn sie von empirischen Befunden der Geschichtswissenschaft abwich.

Michael Gottlobs neuestes Buch beschäftigt sich in weiten Teilen mit der Geschichte um Ayodhya sowie den daran anschließenden Auseinandersetzungen um Lehrmaterialien und den darin enthaltenen Interpretationen von Geschichte. Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Zum einen „Wissenschaftliche und politische Ansprüche beim Umschreiben der Geschichte“, zum zweiten „Historische Bildung für Staatsbürger“, drittens „Kollektives Gedächtnis und Pluralistische Identität“ und schließlich viertens „Indiens Einheit in der Vielfalt als eine Frage der historischen Perspektive“. Lediglich der erste Teil ist gesondert für dieses Buch geschrieben, alle anderen Kapitel bzw. nahezu alle Unterkapitel basieren auf Vorträgen oder zuvor an verschiedenen Stellen veröffentlichten Aufsätzen. Das stellt an sich kein Problem dar, ist es doch bisweilen sinnvoll, eigene verstreut erschienene Artikel in einem Band zu kompilieren. Störend ist bei diesem Band nur, dass es zu häufigen Wiederholungen kommt, sei es bei der Geschichte um Ayodhya, sei es beim Schulbuchstreit. Der Qualität des Buches tut dies freilich keinen Abbruch.

Im ersten Teil führt Gottlob die Kategorien „kognitive“ und „praktische“ Geschichte ein. Sie reflektiert die Spannung, um nicht zu sagen das Dilemma der Geschichtsschreibung im postkolonialen Indien, die/das im Verhältnis von Historie und Politik liegt. Nicht, dass es solche Spannungsverhältnisse nicht auch in anderen Ländern dieser Welt gegeben hätte und gibt, siehe dazu den bundesrepublikanischen Historikerstreit, aber in der Indischen Union scheint die kognitive Geschichte weit ins Hintertreffen gegenüber der praktischen, von Politikern benutzten und nach westlichem bzw. geschichtswissenschaftlichem Verständnis missbrauchten Geschichte geraten zu sein. Aber mehr noch, die Initiative, die Lehrbücher für die verschiedenen Geschichtscurricula umschreiben zu lassen um hierüber die Homogenisierung der Hindus als einzige Nation in der Indischen Union zu betreiben, nahm mitunter groteske Züge an.

Nach Michael Gottlob scheint das Bestreben nach Neu- und Umschreiben bereits mit der Unabhängigkeit eingesetzt zu haben. Sicherlich haben einzelne Großprojekte zur indischen Geschichte, die die Standardlektüre der Cambridge History of India nebst anderen Werken ablösen sollten, diesem Zweck gedient, doch erfüllten sie aufgrund der langen Schreib- und Erscheinungsdauer nicht unmittelbar ihren Zweck. Auch das Ansinnen manch hindu-nationaler Herausgeber, eine Hindu-Nationalgeschichte zu verfassen, erfüllte sich nicht in dem angestrebten Maße. Zumindest ist der Rezeptionsgrad doch recht gering geblieben. Andererseits ist es auffällig, dass es zu einer neuen Geschichtsschreibung erst nach 1977 kommt, so mit den so genannten Subaltern Studies, deren Bände ab 1982 erscheinen und die Geschichte der Unterdrückten und aus der Geschichte Herausgeschriebenen schrieben.

Tatsächlich erfolgte die Neuschreibung der Geschichte unter hindu-nationalistischen Gesichtspunkten dann erst 1998 unter der National Democratic Alliance, der von der rechtsgerichteten Bharatiya Janata Party unter ihrem Ministerpräsidenten Vajpayee geführten Koalitionsregierung. In bis dahin ungekannter Weise versuchten, und das mit Erfolg, Politiker die Geschichtsschreibung in den Lehrbüchern der nationalen Bildungsanstalten und damit im weitesten Sinn die Gesellschaft zu manipulieren. So wurde beispielsweise die „arische Einwanderung“ nach Südasien gegen alle wissenschaftliche Erkenntnis umgedeutet als arische Siedlung in Nordwestindien, von wo sich die Arier dann ausgebreitet hätten. Zweck der Umdeutung war es, die Arier nicht als fremde Invasoren und folglich die Vedischen Schriften einschließlich des Sanskrits nicht als Importe zu interpretieren, sondern sie samt und sonders als genuin hindu-indische Kulturzeugnisse zu werten.

Dem gleichen Zweck diente das entgegen der vedischen Überlieferung behauptete Vegetariertum der Hindus. So viel zur nationalen Inklusion. Die Exklusion wurde auf Kosten der Muslime betrieben, die als fremde in Südasien charakterisiert wurden. Stärker als dies je die britische Historiografie getan hatte, sollte nun die Brutalität der Invasoren, denen besonders die wehrlosen Hindu-Frauen zum Opfer gefallen seien, wie auch die Dekadenz der Muslime als Herrscher vor Augen geführt werden. Dass die britische Herrschaft ebenfalls eine Fremdherrschaft war, brauchte in diesem Kontext nicht betont werden. Zudem hatten sie Indien 1947 verlassen, die Muslime aber waren mit 14 Prozent der Bevölkerung, was etwa 140 Millionen entspricht, allgegenwärtig. Bis in die Gegenwart hinein sind Historiker damit beauftragt, die schulische und universitäre „textbooks“ zu revidieren und sie im Sinne einer hindu-nationalen Geschichtsversion umzuschreiben.

Bei aller Ausführlichkeit, die Michael Gottlob diesem Bereich der indischen Historiografie widmet, bleibt die oben erwähnte Subaltern School mit ihren doch weitreichenden Konsequenzen auch über den südasiatischen Subkontinent hinaus ein wenig unterbeleuchtet. Sicherlich ist mit dem Streit um Ayodhiya und der Interpretation archäologischer Befunde sowie dem Versuch, eine „epische Archäologie“ zu begründen, die hermeneutisch-kritische Methode der Geschichtswissenschaftler ziemlich abgedrängt worden, ein Umstand, der sich dann mit dem Schulbuchstreit wiederholen sollte. Doch darf darüber nicht vergessen werden, dass es in der Indischen Union durchaus seriöse, auf Weltniveau forschende und schreibende HistorikerInnen gibt.

Summa summarum ist das Buch gelungen, wirft es doch einen höchst kenntnisreichen Blick auf eine ziemlich verworrene Geschichte um die Geschichtschreibung in der Indischen Union. Freilich bedarf es einiger Vertrautheit mit der Geschichte Südasiens, um das Buch zu verstehen, will sagen: als Einstiegslektüre ist es nicht unbedingt geeignet. Das soll nicht heißen, dass es nicht nur in jede Universitätsbibliothek gehört, jede/r Indieninteressierte dürfte Gefallen an dem Buch finden. Dazu trägt auch bei, das Beiträge aus zahlreichen indischen Tageszeitungen und Wochenmagazinen zur Analyse herangezogen worden sind, die belegen, mit welcher Heftigkeit, die teilweise bis zur Ehrabschneidung reicht, die Kontroverse geführt wurde. Nach der Lektüre des Buches ist man als Leser gespannt, wie sich die Historiografie in der Indischen Union weiter entwickeln wird. Eines aber kann man mit Bestimmtheit jetzt schon sagen: von einem Mangel an historischem Bewusstsein, das Indern gerne unterstellt wird, kann keine Rede sein!

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15.01.2009
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