J. Eckel: Die Ambivalenz des Guten

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Title
Die Ambivalenz des Guten. Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940ern


Author(s)
Eckel, Jan
Published
Göttingen 2014: Vandenhoeck & Ruprecht
Extent
936 S.
Price
€ 59,99
Reviewed for H-Soz-Kult by
Benjamin Möckel, Historisches Institut, Universität zu Köln

Menschenrechte sind im Verlauf des letzten Jahrzehnts zu einem wichtigen, kontinuierlich wachsenden Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft avanciert. Frühere kritische Hinweise auf eine Unterrepräsentanz von Historiker/innen in der Menschenrechtsforschung können mittlerweile revidiert werden. Dies gilt sowohl für konzeptionell argumentierende Überblicksdarstellungen als auch für empirisch gesättigte Detailstudien.

Mit der empirischen Ausdifferenzierung scheinen auch frühere Forschungskontroversen an Bedeutung einzubüßen: Während in der konzeptionellen Erschließung des Themenfeldes lange Zeit der Streit um konkurrierende Genealogien des Menschenrechtskonzepts im Mittelpunkt stand (von Lynn Hunts Verweis auf den sich wandelnden Gefühlshaushalt des 18. Jahrhunderts bis zu Samuel Moyns These, Menschenrechte hätten überhaupt erst seit den 1970er-Jahren eine wahrnehmbare politische Bedeutung erlangt)1, so lässt sich Jan Eckels Buch – seine Freiburger Habilitationsschrift – eher als eine klug abwägende Synthese dieser Forschungspositionen lesen. Er negiert keineswegs die teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden Traditionslinien, legt aber überzeugend dar, dass Menschenrechte erst ab den 1940er-Jahren als klar konturiertes Konzept in der politischen Arena erschienen. Deutlich näher steht er der Argumentation Moyns. Ähnlich wie dieser betont Eckel, dass der kurze Moment der Nachkriegszeit, der 1948 zur „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ führte, nicht zum Ausgangspunkt eines Siegeszuges der Menschenrechte wurde, sondern von einer langen Phase der Stille und Bedeutungslosigkeit gefolgt war. Anders als Moyn ignoriert er aber auch nicht die personellen und ideengeschichtlichen Verbindungslinien, die zwischen der unmittelbaren Nachkriegszeit und dem „take-off“ der Menschenrechtsrhetorik in den 1970er-Jahren bestanden.

Eckels Vorhaben ist durchaus kühn: Der Buchtitel verspricht eine Geschichte der Menschenrechte von den 1940er-Jahren bis (fast) zur Gegenwart – ohne explizite regionale Einschränkung. Selbst für ein Buch von mehr als 900 Seiten ist das ein ambitioniertes Programm. Dies gilt umso mehr, als seine Darstellung auf einer beeindruckenden Basis an Primärquellen beruht, für die er unter anderem Akten der US-amerikanischen, niederländischen, britischen und chilenischen Regierungen, der Vereinten Nationen sowie von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Amnesty International und der International League of Man ausgewertet hat.

Ein solch umfassendes Projekt steht und fällt mit der thematischen Fokussierung. Folgt man Titel und Einleitung, so ist Eckels Ziel eine Verortung der Menschenrechte in der „internationalen Politik“: Es geht ihm also nicht um eine Begriffs- und Diskursgeschichte, sondern um die Frage nach der konkreten Implementierung von Menschenrechtsvorstellungen in der politischen Praxis. Eine Einschränkung des Forschungsgegenstands bedeutet dies jedoch kaum: Stattdessen zeigt Eckels Buch sehr deutlich, dass die Geschichte der Menschenrechte auch und gerade für das Feld der internationalen Politik nicht ohne Verweis auf nichtstaatliche und zivilgesellschaftliche Akteure, mediale Strukturveränderungen und emotionale Mobilisierungsstrategien einzelner Persönlichkeiten geschrieben werden kann.

Wohl aber ist mit diesem Ansatz eine übergreifende Leitfrage verbunden – die Frage nach der Diskrepanz zwischen menschenrechtlicher Rhetorik einerseits und politischer Umsetzung andererseits. Hierbei lässt sich ein doppelter Topos identifizieren: zum einen die wiederholte Enttäuschung darüber, dass sich moralische Empörung nicht in Gesetze, Gesetze nicht in konkrete politische Maßnahmen und politische Maßnahmen selten in echte Veränderungen umschrieben; auf der anderen Seite aber die überraschende Persistenz des Gedankens universal zu schützender Individualrechte als Zukunftsvision. Die Konsequenz, mit der dieses Deutungsmuster für die gesamte Untersuchung verfolgt wird, ist eine der großen Stärken des Buches. Der Aufstieg der Menschenrechte erscheint auf diese Weise als historisch offener und erklärungsbedürftiger Prozess, der sich allen teleologischen Narrativen widersetzt. Will man überhaupt ein Leitmotiv konstruieren, so ist dies bei Eckel die Interpretation der Menschenrechtsgeschichte als Geschichte nichtintendierter Folgen.

Die Untersuchung gliedert sich in zwei Teile mit jeweils fünf Hauptkapiteln: einen ersten Teil zur Epoche der 1940er- bis 1960er-Jahre und einen (etwas längeren) zweiten Teil, der vor allem die 1970er- und 1980er-Jahre behandelt. Der erste Teil zeichnet ein Panoptikum jener nationalen, internationalen und nichtstaatlichen Institutionen, die für die begriffliche Entwicklung der Menschenrechte zentral waren – von den alliierten Planungen und Zukunftsvorstellungen während des Zweiten Weltkriegs über die Institutionen der Vereinten Nationen, des Europarats, der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und zeitgenössischer NGOs bis zur Bedeutung von Menschenrechten im Kontext der Dekolonisation. Die Bandbreite an Verwendungsweisen zeigt schon, dass die ersten zweieinhalb Nachkriegsjahrzehnte keineswegs eine Phase völliger Stille und Bedeutungslosigkeit darstellten. Trotzdem steht in diesen Kapiteln unübersehbar der Aspekt des Scheiterns und der uneingelösten Erwartungen im Mittelpunkt. Darüber hinaus lässt sich hier in paradigmatischer Weise die politische Instrumentalisierung des Menschenrechtsbegriffs erkennen – sowohl im Zusammenhang des Kalten Kriegs als auch in den Prozessen der Dekolonisation. Begrifflich mag die Vorstellung von „Universalität“ ein zentrales Merkmal des Menschenrechtsdiskurses gewesen sein, realiter geschahen Menschenrechtsverletzungen aber immer nur bei „den Anderen“.

Diese Ambivalenz ist auch für den zweiten Teil des Buches relevant, der die 1970er-Jahre als Sattelzeit einer neuen, bis in die Gegenwart reichenden gesamtgesellschaftlichen Resonanz betrachtet. Es ist keine Überraschung, dass am Beginn dieses Teils Amnesty International steht. Wie keine andere Institution symbolisiert Amnesty jene „Erfolgsgeschichte“ der Menschenrechte, die meist durch einen Strukturwandel erklärt wird, in dem staatliche Akteure durch NGOs und zivilgesellschaftliche Kräfte abgelöst sowie Gesetzesvorhaben und diplomatische Verhandlungen durch mediale Kampagnen und „urgent actions“ ersetzt worden seien.

Vieles an dieser Interpretation ist richtig. Eckel kann die vereinfachte Sicht jedoch an vielen Stellen relativieren, indem er zwar auf die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Akteure verweist, zugleich aber zeigt, dass die staatliche Politik für die Implementierung (und Nichtimplementierung) menschenrechtlicher Ziele trotzdem entscheidend blieb. Für das außenpolitische Programm der Carter-Administration ist dies gut untersucht. Weniger bekannt sind jedoch die Beispiele von Großbritannien unter Außenminister David Owen (1977–1979) und den Niederlanden unter Ministerpräsident Joop den Uyl (1973–1977), der in seinem Land das zeitgenössisch wohl ambitionierteste Projekt einer menschenrechtlichen Durchdringung der nationalen Außenpolitik unternahm.

Die letzten drei Kapitel betrachten Fallbeispiele, in denen diese Menschenrechtsrhetorik zur Anwendung kam: unter anderem in Chile, Osteuropa und einer (regional wenig konkretisierten) „postkolonialen Welt“. Vor allem das Kapitel zur chilenischen Diktatur unter Augusto Pinochet avanciert dabei beinahe zu einem Buch im Buch, in dem Eckel exemplarisch das Ineinandergreifen von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Druckmechanismen sowie die hierauf antwortenden ambivalenten Reaktionen des Regimes en détail analysiert. Im Vergleich hierzu bleiben andere Beispiele – etwa jenes von Südafrika und der transnationalen Anti-Apartheid-Bewegung – eher im Hintergrund.

In der Frage, welche Rolle Menschenrechte im Reformprozess und späteren Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa einnahmen, bleibt Eckel zurückhaltend. Wenn überhaupt, so hätten Menschenrechte nur einen Aspekt in einer Dynamik gebildet, die eher aus innenpolitischen Motivationen zu erklären sei als durch einen externen menschenrechtspolitischen Druck. Zugleich bildete die Aufnahme des Menschenrechtskonzepts durch die Dissidentenbewegung in der Folge der KSZE-Verhandlungen jedoch ein paradigmatisches Beispiel jener nicht vorhersehbaren Eigendynamik, die auch in den anderen Kapiteln ein wiederkehrendes Motiv darstellt.

Im Vergleich zu allen sonstigen Abschnitten bleibt das letzte Kapitel über „Menschenrechte in der postkolonialen Welt“ erstaunlich blass. Hier hätte die Chance bestanden, zentrale Argumente des Buches noch einmal zu bündeln: etwa die Diskrepanz zwischen behaupteter Universalität des Menschenrechtsbegriffs und dessen lokaler Rezeption, das Verhältnis von Menschenrechten und nationaler Souveränität sowie die Kritik an einer Verengung des Menschenrechtsbegriffs auf die so genannten politischen Rechte, was gerade von Ländern des „globalen Südens“ oftmals als Indiz eines „Doublespeak“ des Westens wahrgenommen wurde. Die meisten dieser Punkte erwähnt Eckel. Die Chance jedoch, hieraus auch eine historische Einordnung aktueller Debatten abzuleiten, nutzt er kaum.

Ein Buch, das sich der Geschichte der Menschenrechte in solch umfassender Perspektive annimmt, kommt nicht umhin, Prioritäten zu setzen. Für einen Rezensenten ist es demnach ein Leichtes, auf Lücken hinzuweisen. Regional gilt das vor allem für den asiatischen Raum, der in Eckels Darstellung wenig Platz findet. Institutionell überrascht es, dass die Kirchen als zentrale zivilgesellschaftliche Akteure fast keine Rolle spielen. Und schließlich wäre auch Carola Sachses jüngster Hinweis auf „Geschlecht“ als „Leerstelle“ in der neueren Menschenrechtsforschung bedenkenswert2: Inwiefern die Einforderung von Frauenrechten einen Motor des Menschenrechtsdiskurses darstellte oder ob diese in der proklamierten Universalität eher untergingen, lässt Eckel weitgehend offen. Insgesamt ist es jedoch eine der großen Stärken des Buches, dass der Autor eine sinnvolle Auswahl von Fallbeispielen getroffen hat und die Auslassungen zudem selbst reflektiert.

Es ist ebenso gängige Praxis, thematisch weit ausgreifende Veröffentlichungen mit einem Plädoyer für eine kleinteiligere, empirisch gesättigte Forschungsarbeit zu beenden. Dies wäre sicher auch hier möglich. Eckels Darstellung der Menschenrechtsgeschichte, die durch Brüche, Jahrzehnte der Stille und überraschende Wiederaufnahmen geprägt ist, zeigt aber indirekt, dass ein chronologisch engerer Zugriff nicht notwendigerweise klarere Erkenntnisse bringen muss. Vielversprechender erscheint es, in ähnlich umfassender Perspektive nach spezifischen Feldern zu fragen, die für die Etablierung der Menschenrechte als gesellschaftlichem Deutungsmuster wichtig wurden – so etwa nach der konsumgesellschaftlichen Überformung des Menschenrechtsaktivismus oder dessen Aufnahme in der Populärkultur.

Jan Eckel hat eine äußerst klug argumentierende, quellengesättigte Geschichte der Menschenrechte vorgelegt, die bisherige Forschungen synthetisiert und zugleich um unzählige Facetten ergänzt. Sie wird für lange Zeit die zentrale Referenz weiterer Forschungen bilden. Während man in tagespolitischen Debatten oft das diffuse Gefühl artikuliert findet, die Menschenrechte hätten sich womöglich „zu Tode gesiegt“, so findet man bei Eckel ein viel originelleres Narrativ der „Ambivalenz des Guten“: Bei ihm scheitern die Menschenrechte zum Erfolg.

Anmerkungen:
1 Lynn Hunt, Inventing Human Rights. A History, London 2007; Samuel Moyn, The Last Utopia. Human Rights in History, Cambridge 2010.
2 Carola Sachse, Leerstelle: Geschlecht. Zur Kritik der neueren zeithistorischen Menschenrechtsforschung, in: L’Homme 25 (2014), Heft 1, S. 103–122.