D. N. Wells: The Russian Discovery of Japan, 1670–1800

Cover
Title
The Russian Discovery of Japan, 1670–1800.


Author(s)
Wells, David N.
Series
Routledge Studies in the Modern History of Asia
Published
London 2021: Routledge
Extent
176 S.
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Eva-Maria Stolberg, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

David N. Wells, Bibliothekar an der Curtin University, Perth (Western Australia), ist ein ausgewiesener Kenner der russisch-japanischen Beziehungen. Nach seinen Büchern zum Russisch-Japanischen Krieg 1904/1905 und russischen Reisebeschreibungen über Japan vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, [1] legt er nun eine Studie über die ersten kulturellen Begegnungen zwischen Russen und Japanern von der Zeit Peters des Großen bis zur Ersten russischen Weltumsegelung vor. Das Buch ist insofern bemerkenswert, als es einen fundierten Überblick über die schrittweise kulturelle Annäherung vor Aufnahme der diplomatischen Beziehungen gibt. In zwölf Kapiteln werden zeitgenössische, ins Englische übersetzte Quellen vorgestellt und mit präzisen Erläuterungen in den historischen Kontext gesetzt. Wells greift eine wichtige Forschungslücke in der westlichen historischen Russlandforschung auf und liefert darüber hinaus eine wichtige Ergänzung zur Geschichte der europäischen Entdeckung Japans. Eine entscheidende Perspektive wird hier aus der Sicht eines expandierenden, traditionellen eurasischen Kontinentalreichs im Unterschied zu den europäischen Seemächten gegeben. Russische Historiker und Historikerinnen haben sich schon seit längerem mit der Frühgeschichte der russisch-japanischen Beziehungen beschäftigt, von dem sowjetischen Klassiker aus den 1960er Jahren Esfir‘ Fainberg bis zu der von Polina Ginzburg 2013 an der Universität Tübingen vorgelegten Dissertation.[2]

Während die russisch-japanischen Beziehungen im 20. Jahrhundert von dem Russisch-Japanischen Krieg von 1904/1905, der Oktoberrevolution und dem folgenden militärischen Eingreifen Japans in den sibirischen Bürgerkrieg, der japanischen Besetzung der Mandschurei, dem Nomonhan-Konflikt sowie dem Streit um die Kurilen belastet waren, und hartnäckige Feindbilder generiert wurden, waren die russischen Japanbilder im 19. Jahrhundert durch den Japonismus aufgeladen. Japan übte in dieser Epoche eine Faszination auf russische Intellektuelle und Künstler aus. Die Studie von Wells widmet sich dagegen der Frühphase der kulturellen Begegnung, die zunächst zufällig und sporadisch von Kosaken und japanischen Schiffsbrüchigen getragen wurde. Der vom Autor untersuchte Zeitraum 1670 bis 1800 war die Phase vordiplomatischer, kaum institutionalisierter Beziehungen, in die Entdecker (seefahrende Kosaken), Abenteurer und Wissenschaftler involviert waren. Zu Recht weist Wells daraufhin, dass Kenntnisse über das Inselreich graduell angeeignet wurden und ein Japanbild erst in einem langen Zeitraum von über hundert Jahren generiert wurde.

Kapitel 1, als Einführung konzipiert, ordnet die russische Entdeckung Japans folgerichtig in den Kontext der russischen Expansion nach Sibirien und den Pazifischen Ozean ein. Nach der maritimen Erschließung der Halbinsel Kamčatka und des nördlichen Pazifiks kamen seefahrende Kosaken in Berührung mit den Ainu, die die Inseln zwischen Kap Kamčatka und dem Norden Japans (das heutige Hokkaidō) besiedelten. Über die Ainu erhielten die Russen erstmals Informationen über die japanische Kultur. Zu einer direkten Kontaktaufnahme kam es gegen Ende des 17. Jahrhunderts, als japanische Schiffbrüchige an den Küsten Kamčatkas strandeten, das damals von den Russen kolonisiert wurde. Der bekannteste Schiffbrüchige war Denbei, den Peter der Große empfing. 1702 regte der Zar die Entsendung einer Expedition zur Erforschung des Seeweges nach Japan an, die jedoch wegen logistischer Probleme erst zwanzig Jahre später realisiert wurde. Peter der Große hatte die Ambition, das Zarenreich zu einer europäischen Seemacht zu machen, gleichberechtigt mit den Niederlanden, England, Spanien und Portugal. Der Handel mit Ostasien (China, Japan) erschien dem Zaren lukrativ und in diesem Kontext ging es dem Zaren um den Aufstieg Russlands zu einer See- und Handelsmacht. Die Petrinische Politik setzte auf eine von der Aufklärung (Einfluss Leibniz) beeinflusste Weltöffnung Russlands nach West wie nach Ost. Mit der Gründung der Russländischen Akademie der Wissenschaften setzte die kartographisch-naturwissenschaftliche wie auch die kulturwissenschaftliche Blüte ein. Das Interesse an fremden Natur- und Kulturräumen wurde auf ein wissenschaftliches Fundament gestellt. Abschluss fand diese Epoche mit der Ersten und Zweiten Kamčatka-Expeditionen und der Laksman-Gesandtschaft nach Japan. Um 1800 war Japan nicht mehr Russlands unbekannter Nachbar im Osten.

Bevor der Autor die einzelnen Reiseberichte vorstellt, geht er auf die im Zarenreich 1670 erschienene Cosmographie ein, die ein erstes Japanbild in vagen, bildlichen Konturen enthält. Die russische Kosmografie, kompiliert in der nordrussischen Stadt Cholmogory, basiert auf westlichen Adaptionen (Mercator, Ortelius, Bielski). Entsprechend dem Muster westlicher Kosmographien werden geografische Lage, Klima, Herrschaftsstruktur und ethnografische Besonderheiten beschrieben. Es ist charakteristisch für Kosmografien, dass naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Informationen erfasst wurden. Bezogen auf Japan erwähnt die russische Kosmografie die Besonderheit des Vulkanismus und thermischer Quellen. Die Japaner gelten als wehrhaft, so finden die waffentragenden samurai ebenso Erwähnung wie die Verteidigungsanlagen japanischer Städte. Zu Recht spricht Wells davon, dass die Herrschaftstitel und -funktionen wie tennō, shōgun und daimyō nicht begriffsgenau verwendet wurden; der Kompilator war sich der politischen und militärischen Lage der Tokugawa-Zeit nicht im Klaren.

Die vorgestellten Reisebeschreibungen lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Berichte, die von im russischen Dienst stehenden westlichen Ausländern stammen und Berichte seefahrender russischer Kosaken. Den Anfang macht der moldavische Adlige Nicolae Milescu (1636-1708), auch Spafarij genannt. 1692 in den russischen diplomatischen Dienst eingetreten, wurde Milescu 1675 mit einer Gesandtschaft nach China entsendet. Da der Fokus auf dem Reich der Mitte lag, rückte Japan an den Rand seiner Betrachtung. Interessant ist, dass Milescu bei der geografischen Beschreibung des Inselreiches auf chinesische Geografen Bezug nahm. Eine andere Quelle seiner Informationen stammt von der indigenen Bevölkerung (Giljaki), die am Amur siedelten, und in Handelsbeziehungen mit Japan standen. Ähnlich wie in der russischen Kosmografie von 1670 hatte Milescu Schwierigkeiten, die Herrschaftsstruktur des Tokugawa-Japan zu erfassen. So sprach er davon, dass das Inselreich unter sich bekämpfenden Khanen (ein Begriff, der sich auf die Herrschaftsbildung der Steppenvölker Innerasiens bezog und der dem russischer Leser vertraut war, E.S.) aufgeteilt sei (S. 53). Dementsprechend schrieb Milescu den Japanern die ethnische Abstammung von den Mongolen zu (ebd.).

Zwanzig Jahre nach Milescus diplomatischer Mission in China, folgten in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts die Berichte russischer, seefahrender Kosaken, die den nördlichen Pazifik erforschten. Auf Kamčatka begegnete der Kosake Atlasov dem japanischen Schiffbrüchigen Denbei, der aus Ōsaka (in der Quelle: Uzaka) stammte. Bemerkenswert an Atlasovs Berichten ist, dass die Kenntnisse über Japan weiterhin rudimentär waren, das betraf gerade auch die geografische (maritime) Lage. Der Fokus der Kosakenberichte lag auf der Erschließung Kamčatkas und den Kurilen, dementsprechend fiel die ethnografische Beschreibung der dort ansässigen indigenen Völker detaillierter aus. Hier liegt eine Gemeinsamkeit mit der russischen Cosmografie und dem Bericht Milescus vor: Das Interesse an Japan war beiläufig und peripher, da Handelskontakte zu China bzw. die weitere Erschließung und Kolonialisierung Sibiriens im Vordergrund standen. Vom prominenten japanischen Schiffbrüchigen Denbei, der auch von Zar Peter dem Großen empfangen wurde, erfuhren die Russen, mit welchen Gütern die Japaner handelten – etwa Reis, feines Tuch, Gold, Silber und Gewürze. Aus dieser Information schloss die russische Seite auf den Wohlstand Japans. Peter der Große ordnete an, Denbei in der russischen Sprache zu unterweisen, damit dieser als Sprachlehrer Russen in Japanisch unterrichten sollte. Mit Denbei setzten die Anfänge der russischen Japanologie ein, die bald mit der Sprachenschule für ostasiatische Sprachen in Irkutsk institutionalisiert wurde. Denbeis Bericht enthielt konkrete Informationen über das Verhältnis der Japaner zu Europa, u.a., dass der Handel auf Nagasaki beschränkt und den Holländern vorbehalten, und das Christentum bzw. die christliche Mission in Japan verboten sei.

In den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts folgten die Reiseberichte, die im Rahmen der beiden Kamčatka-Expeditionen, initiiert von der Russländischen Akademie der Wissenschaften, angefertigt wurden. Hier lag ein sehr konkretes Ziel vor, nämlich die Seerouten im nördlichen Pazifik, u.a. nach Japan zu erforschen. Wie Wells beschreibt, stellte dieses Vorhaben eine große nautische Herausforderung dar, da die Schiffspassage im nördlichen Pazifik nach Japan (hier: Hokkaidō) durch Stürme, Nebel und Treibeis behindert wurde. Auch gab es mit der Lebensmittelversorgung Probleme. Wegen Getreideausfällen in Mittel- und Ostsibirien stand unzureichend Proviant zur Verfügung und es kam zu einer Verzögerung. Im Sommer 1739 erreichte Spangbergs Crew die Gewässer vor der Nordküste von Hokkaidō. Es kam lediglich zu Wasser zu einem beschränkten Handelsaustausch mit japanischen Fischern. Da ein Landgang nicht stattgefunden hatte, enthält auch Spangbergs Reisebericht lediglich rudimentäre Informationen, allem die Beschreibung der äußeren Erscheinung, die Spangberg mit den Tataren verglich. Die Kenntnisse über Japan gingen dabei nicht über den Stand der früheren Reiseberichte des späten 17. Jahrhunderts hinaus. Wells fügt eine zeitgenössische kritische Würdigung der Reisebeschreibung Spangbergs durch den deutschen Sibirienhistoriker Georg Friedrich Müller an. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Müller die Ungenauigkeit der angefertigten Seekarte monierte; so habe Spangberg die Küsten Koreas irrtümlicherweise für japanisches Territorium gehalten (S.101).

In den späten siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts suchten seefahrende Kosaken regelmäßig die Nordküste Hokkaidōs auf und es entwickelte sich ein kleiner Handelsverkehr mit dort ansässigen Japanern. Es wurden vor allem Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände des alltäglichen Lebens gehandelt. Dolmetscher kamen zum Einsatz und die Russen wurden mit allen Ehren empfangen; sie nahmen auch an kulturellen Veranstaltungen teil. Auch in dem Reisebericht des Kosaken Antipin von 1799 findet sich ein ethnischer Vergleich mit den Steppenvölkern des Zarenreiches (diesmal waren es die Kalmücken). Wells‘ Buch schließt mit zwei weiteren Quellen, der Beschreibung des französischen Forschungsreisenden Jean-Baptiste Barthélemy de Lesseps (1766-1834) und dem Gesandtschaftsbericht von Laxman (1792). Lesseps begegnete japanischen Schiffbrüchigen auf Kamčatka. Auch in Lesseps‘ Bericht überwiegen Details zur Beschreibung des äußeren Erscheinungsbildes. Das Verhalten bewertete Lesseps als höflich, aber distanziert. Der Anlass der Gesandtschaftsreise von Adam Laxman (1792) war die Rückgabe der japanischen Schiffbrüchigen. Auf diesem Weg erhoffte sich die Zarenregierung den Aufbau von Handelsbeziehungen zu Japan. Vom Schriftverkehr abgesehen erwies sich die Gesandtschaftsreise als erfolglos. Die japanische Abschottungspolitik verhinderte eine Aufnahme von Handelsbeziehungen. Die japanischen Abgesandten zeigten jedoch ein großes Interesse an den russischen Seekarten des nördlichen Pazifiks, einschließlich der Kurilen. Laxman begegnete ihnen mit Misstrauen und hielt sie für Spione.

David Wells ist eine gut kommentierte Vorstellung der wichtigsten Reisebeschreibungen zur Frühphase der russisch-japanischen Beziehungen gelungen. Der Autor überzeugt in der historischen Einordnung der Quellen in den Kontext der russischen Erschließung Sibiriens und des nördlichen Pazifiks. Die Studie gibt neue Impulse für weitere wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem in der Osteuropäischen Geschichte nach wie vor unterrepräsentierten Thematik.

Anmerkungen:
[1] David N. Wells (ed.), The Russo-Japanese War in Cultural Perspective, 1904-1905, Basingstoke 1999, ders., Russian Views of Japan, 1792-1913. An Anthology of Travel Writing, London 2009.
[2] Esfir’ Fainberg, Russko-japonskie otnošenija v 1697-1875 gg., Moskva 1960; K. E. Čerevko, Zaroždenie russko-japonskich otnošenij XVI-XIX veka, Moskva 1999; L. M. Ermakova, Vesti o Japon-ostrove v starodavnej Rossii i drugoe, Moskva 2005; Polina Ginzburg, Die frühen russisch-japanischen Beziehungen. Adam Laxmans Beitrag zur Erforschung Japans in der Tokugawa-Zeit, Dissertation, Universität Tübingen 2013.

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17.06.2022
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