J. Zimmerer u.a.: Hamburg: Tor zur kolonialien Welt

Title
Hamburg: Tor zur kolonialen Welt. Erinnerungsorte der (post)kolonialen Globalisierung


Editor(s)
Zimmerer, Jürgen; Todzi, Kim
Series
Hamburger Beiträge zur Geschichte der kolonialen Globalisierung (1)
Published
Göttingen 2021: Wallstein Verlag
Extent
591 S.
Price
€ 28,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Sahra Rausch, Wissenschaftliche Koordinationsstelle „Koloniales Erbe in Thüringen“ am Historischen Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Der von Jürgen Zimmerer und Kim Sebastian Todzi herausgegebene versteht sich als eine Zwischenbilanz der Forschungsinitiativen, die seit 2015 von der Forschungsstelle „Hamburg (post-)koloniales Erbe / Hamburg und die (frühe) Globalisierung“ unternommen werden. Mit der Einrichtung der Forschungsstelle wurde die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands erstmals an einer deutschen Universität institutionalisiert. Mittlerweile haben sich an anderen Orten ebenfalls Einrichtungen gegründet, die die _glokalen _Dimensionen der (Post-)Kolonialität sichtbar machen und aufarbeiten. [1] Weiterhin sind Tagungen organisiert worden, aus denen Sammelbände hervorgingen, die die globalen Verstrickungen verschiedener Regionen und Städte in der Zeit des kolonialen Expansionsbestrebens des Deutschen Reichs ausleuchten.[2] Hamburg als Hanse- und Hafenstadt kommt dabei eine herausragende Rolle zu, wie die Herausgeber des Bandes in ihrer Einleitung unterstreichen. Dem positiv gedeuteten Selbstverständnis der Stadt als „Tor zur Welt“ und damit als ein Ort der Offenheit und des Kosmopolitismus, fügt der Sammelband den Befund hinzu, auch „Tor zur kolonialen Welt“ (S. 16) zu sein. Globalisierung und Kolonialisierung werden als verschränkte Phänomene untersucht, wobei der Begriff des (Post-)Kolonialen im Titel betont, dass auch die „postkoloniale Globalisierung mit einer sukzessiven Dezentrierung Europas und des Globalen Nordens“ (S. 15) im 21. Jahrhundert in den mannigfaltigen Beiträgen Beachtung findet. Ziel des Buches ist eine „postkoloniale[n] Stadtgeschichte des Globalen“ (S. 17) zu bieten, die die oftmals geographische Verengung der Lokal- und Regionalgeschichte durch den Fokus auf verflechtende und transnationale Perspektiven zu überwinden sucht.

Der fast 600 Seiten umfassende Band gliedert sich in sieben Teile, die unterschiedliche Aspekte kolonialer Globalisierung beleuchten, ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen. Auf welche Weise die Stadtgesellschaft von kolonialen Imaginationen durchdrungen war, wird nicht nur für den Bereich „Wirtschaft und Politik“ betrachtet, sondern auch in „Wissenschaft und Forschung“, in „Kunst, Kultur und Gesellschaft“ sowie anhand der „Denkmäler“ der Stadt Hamburg. Die verflochtenen Beziehungen, die die koloniale Expansion mit sich brachten, werden in dem Kapitel „Die Welt in Hamburg – Hamburg in der Welt“ in den Fokus gestellt. Schließlich endet der Band mit einem Ausblick von Oswald Masebo, der die weiterhin bestehenden epistemischen Leerstellen verflochtener Geschichtsschreibung am Beispiel Deutschlands und Tansanias nachzeichnet. Wenngleich der zeitliche Schwerpunkt der Beiträge auf dem 19. und 20. Jahrhundert liegt, wird dennoch das Fortwirken der kolonialen Vergangenheit bis in die Gegenwart in den verschiedenen Kapiteln sichtbar gemacht. Im Zentrum stehen nicht nur die Debatten um den Umgang mit den vorhandenen Kolonialdenkmälern im Stadtgebiet oder den kolonialen Sammlungsbeständen der naturkundlichen und ethnologischen Museen, sondern auch Bauprojekte, wie etwa die HafenCity, die die koloniale Vergangenheit zum „identitätsstiftenden Marketingfaktor“ machen soll (S. 23).

Zusammengehalten werden die unterschiedlichen Epochen der historischen Betrachtung von Hamburgs kolonialen Erbe durch das erinnerungskulturelle Konzept des Erinnerungsortes, das um die postkoloniale Perspektive erweitert wird. Der deutsche Begriff des Erinnerungsortes geht auf die von dem französischen Historiker Pierre Nora entworfenen Lieux de mémoire zurück, die nicht nur physische, sondern auch soziale, politische, kulturelle oder imaginäre Orte umfassen (S. 20) und somit „materieller wie immaterieller Natur“ (S. 19) sein können. Als gemeinsames Forschungsinteresse der Erinnerungsforschung und der postkolonialen Theorie identifiziert Zimmerer vor allem die Untersuchung von „Identitätskonstruktion durch Abgrenzung“ sowie die „Stabilisierung dieser Identitäten und ihre Übersetzung in politische Macht“ (S. 21).

Kim Sebastian Todzi benennt als einen ersten (post-)kolonialen Erinnerungsort die Handelskammer Hamburg. Dass das Rathaus und die Handelskammer baulich über einen Verbindungsgang miteinander verbunden sind, unterstreicht dabei nicht nur die enge Verzahnung von Wirtschaft und Politik. Todzi arbeitet in seinem Beitrag auch heraus, dass sich Freihandel und Imperialismus keineswegs ausschlossen, wie es oft für die hanseatische Politik behauptet wurde, die sich als Verfechterin des Freihandels skeptisch gegenüber einer Annexion kolonialer Gebiete in „Übersee“ zeigte. Spätestens ab 1883 befürwortete die Handelskammer die formale Kolonialherrschaft, forderte gleichzeitig die Aufrechterhaltung eines wirtschaftsliberalen Vertragswesens, das durch den Einsatz der deutschen Marine abgesichert werden sollte. Folglich, so schließt Todzi, „[ist] die Handelskammer […] fraglos einer der bedeutendsten (post-)kolonialen Erinnerungsorte in Hamburg“, da „ihr […] eine entscheidende Rolle bei der Errichtung des formalen deutschen Kolonialreichs [zu]kam“ (S. 45).

Rainer Nicolaysen behandelt das Hamburgische Kolonialinstitut, an dem als eine der Vorläuferinstitutionen der Universität Hamburg zwischen 1908 bis 1919 Kolonialbeamte ausgebildet wurden. Nach 1919 wurde die Kolonialkunde zu den Auslandsstudien umgewidmet, wobei bis 1945 die kolonialwissenschaftliche Ausrichtung des Instituts aufrechterhalten wurde. Erst 1968 machten Student:innen die koloniale Entstehungsgeschichte der Universität zum Thema der öffentlichen Debatte, als diese die Denkmäler Hermann von Wissmanns und Hans Dominiks stürzten (S. 179).
Weitere Aufsätze, die die Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung für das koloniale Projekt herausarbeiten, besprechen etwa die Geschichte der Geographischen Gesellschaft und des Seminars für Geographie (Carsten Gräbel) oder die koloniale Praktik der Objektifizierung menschlicher Gebeine, um diese anthropologischen Sammlungen zuzuführen (Stefanie Affeldt).

Theoretisch interessant ist insbesondere der Beitrag Markus Hedrichs zum Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, in dem er das Institut erinnerungstheoretisch als Palimpsest konzeptualisiert, im dem „([s]tädtische) Räume […] als diachrone dreidimensionale Schichtungen [erscheinen], in denen sich Raum und Zeit in einer Art ‚Geschichtsspeicher‘ verdichten“ (S. 199). Die Gründung des Instituts gehe somit nicht nur unmittelbar aus der deutschen Kolonialpolitik hervor. Die koloniale „Rassifizierung von Infektionskrankheiten“, so Hedrich, beschreibe zudem „epistemische Kontinuitäten von der Kolonial- zur NS-Medizin“ (S. 211). Räumlichkeit ist auch in Tania Manchenos Beitrag die zentrale Analysekategorie, die sie um Erkenntnisse der Emotionsforschung ergänzt, um eine „emotionale[…] Landschaft der HafenCity“ zu beschreiben (S. 341). Die Wiederbelebung kolonialer Topografien im „Überseequartier“ der Speicherstadt beschreibt Mancheno als „Plantagenmentalität“ und folglich als Perpetuierung „kolonialer Nostalgie“ (S. 348), die diese zugleich touristisch vermarktet (S. 351).

Ein weiterer Zugewinn des Bandes sind diejenigen Artikel, die über die Feststellung des (post-)kolonialen Erinnerungsorts innerhalb der Stadtgrenzen Hamburgs hinausgehen und die Verflechtungen in den ehemaligen Kolonialgebieten in den Blick nehmen. Dazu gehört u.a. der Beitrag von Adjaï Paulin Oloukpouna-Yinnon, der die Biographien einiger „métis allemands“ in der deutschen Kolonialgeschichte Togos rekonstruiert und dabei auf die gegenwärtige erinnerungspolitische Mystifizierung der deutschen Kolonialherrschaft in Togo herausarbeitet.

Melanie Boieck und Reginald Elias Kirey wählen eine transnationale Betrachtungsweise, um das Denkmal Wissmanns, das zuerst in Dar es Salaam errichtet und später nach Hamburg transferiert wurde, in der deutschen, tansanischen und britischen Erinnerungskultur zu verorten. An seinem alten Standort wurde in den 1920er-Jahren das Askari-Monument platziert, das sich bis heute noch dort befindet. Dabei zeigen die Autor:innen, dass mit dem Abbau des Wissmann-Denkmals in Dar es Salaam keinesfalls die koloniale Glorifizierung versiegt. Vielmehr bestätigte sich für die deutsche Gemeinschaft in Tanganjika das Fortbestehen des „kolonialen Heroismus“ (S. 530) mit der Wiederaufstellung des Denkmals in Hamburg im Jahr 1922.

Diesem ambitionierten Band gelingt es nicht ganz, die verschiedenen Beiträge im theoretischen Rahmen (post-)kolonialer Erinnerungsorte zusammenzuführen. Obwohl in der Einleitung problematisiert wird, dass Noras Projekt der Beschreibung französischer Lieux de mémoire ein auf die Nation ausgerichtetes Projekt gewesen ist, vermag es die Konzeption (post-)kolonialer Erinnerungsorte nicht, diese überzeugend mit der transnationalen Betrachtung zusammenzuführen, die der Band bietet. Da die theoretische Darstellung (post-)kolonialer Erinnerungsorte zu sehr auf die Herstellung kollektiver Identitäten abhebt, rückt als Konsequenz der postkolonialen Erweiterung vor allem das nationale Gedenken in den Fokus – nicht jedoch die notwendige Dezentrierung europäischer Erinnerungspraktiken.

Für Nora ist die Beschreibung der Lieux de mémoire dadurch gekennzeichnet, dass es „[a]m Anfang […] einen Willen geben [muß], etwas im Gedächtnis festzuhalten“ [3]. In diesem Sinne wäre auch mehr Transparenz darüber wünschenswert gewesen, welche erinnerungspolitische Rolle die Autor:innen des Bandes einnehmen, wenn sie die von ihnen identifizierten (post-)kolonialen Erinnerungsorte im kollektiven Gedächtnis verankern. Daran anknüpfend bleibt auch das Verhältnis der Beschreibung postkolonialer Erinnerungsorte zur wiederholt proklamierten „kolonialen Amnesie“ nur unzureichend konzeptualisiert. Sebastian Conrad hat bereits 2019 darauf verwiesen, dass „kollektiv-psychologische […] Deutungsmuster […] wenig hilfreich“ seien, um den gesellschaftlichen Bedeutungswandel von Erinnerungspraktiken zu beschreiben; schließlich „[geht] der Impuls zur Erinnerung nicht so sehr von der Vergangenheit selbst aus, sondern von der jeweiligen Gegenwart“.[4] Insbesondere verflechtungsgeschichtliche Zugänge sind gefordert, den unterschiedlichen Gegenwarten Rechnung zu tragen, um die differenten Praktiken erinnerungskultureller Bedeutungszuschreibung herauszuarbeiten – was dem Sammelband in seiner Gesamtheit dennoch auf sehr eindrückliche Weise gelingt.

Anmerkungen:
[1] Siehe hierzu die Arbeit der Wissenschaftlichen Koordinationsstelle „Koloniales Erbe in Thüringen“ (KET): https://www.koloniales-erbe-thueringen.de/ oder auch des Berliner Modellprojekts „Dekoloniale“: https://dekoloniale.de/de.
[2] Marianne Bechhaus-Gerst/ Stefanie Michels/ Fabian Fechner (Hrsg.), Nordrhein-Westfalen und der Imperialismus, Berlin 2022; Fabian Fechner/ Barbara Schneider (Hrsg.), Fernes Hagen. Kolonialismus und wir, Hagen 2021.
[3] Pierre Nora, 1998 [1990], S. 32, zitiert in: Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen – Eine Einführung, Stuttgart 2017, S. 21.
[4] Sebastian Conrad, Die Rückkehr des Verdrängten? Die Erinnerung an den Kolonialismus in Deutschland 1919–2019, in: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte (40–42), Bonn 2019, S. 28–33, hier S. 28.

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20.01.2023
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