Brüche und Transformationen Zum Fifth European Global History Congress

Ort
Budapest
Veranstalter
European Network in Universal and Global History, in cooperation with the Central European University (Department of History) and Corvinus University (Karl Polanyi Research Centre at the Institute of Sociology and Social Policy), supported by the Hungarian Academy of Sciences' Research Centre for Humanities
Datum
31.08.2017 - 03.09.2017
Von
Norbert Fabian, Ruhruniversität Bochum / Institut für soziale Bewegungen

Stärker als bei den vorangehenden Kongressen rückten in Budapest Themen osteuropäische Geschichte mit ihren Revolutionen und Transformationen, aber auch die Geschichte des Habsburger Empires und der Sowjetunion in den Vordergrund.[1] So diskutierte z.B. eine von Mikhail Lipkin (Moskau) organisierte Sektion die Rolle Chruschtschows neu und fragte, inwieweit er denn Revolutionär oder pragmatischer Reformer gewesen sei. Kritisiert wurde dabei auch ein wieder auflebender, irrationaler Stalin-Kult in Russland.[2]

In einem teils kontrovers verlaufenen Plenary Round Table zum Sozialismus in einer vergleichenden, globalhistorischen-sozialwissenschaftlichen Perspektive betonte Marcel von der Linden (Amsterdam) den engen, symbiotischen Zusammenhang von Demokratie und Sozialismus in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung - einen Zusammenhang, den erst W.I. Lenin und dann insbesondere Stalin in der Sowjetunion unterbrochen hätten. Angeführt wurden zudem die Bedeutung von Sozialstaatlichkeit und von Mitbestimmung für ein modernes Verständnis von demokratischem Sozialismus und sozialer Demokratie auch in Osteuropa und in einer globalen Perspektive.

Weiterführend diskutiert wurden zugleich Themen vorangehender Kongresse:
So seien bei Publikation globalgeschichtlicher Themen eine erhebliche Zunahme und Fortschritte zu verzeichnen. Dies belegte Sven Beckert (Harvard) auch statistisch in dem weiteren, gut besuchten Roundtable ‚World and global history - Next steps to go’. Dennoch bleibe die Nationalgeschichte von erheblicher Relevanz. Anzustreben seien jedenfalls mehr vergleichende empirische Studien zur Welt- und Globalgeschichte.
Marcel van der Linden (Amsterdam) verwies auf die Unvermeidbarkeit von Teamwork bei globalgeschichtlichen Forschungen und plädierte für eine stärkere Einbeziehung von Sozialgeschichte. Auch die von
Susann Zimmermann (Budapest) engagiert eingeforderte Gender-Geschichte sei u.a. in Schichtungs- und Klassenanalysen mit einzubringen. Matthias Middell (Leipzig) stellte abschließend die Notwendigkeit heraus, Fragen der didaktischen Vermittlung von Globalgeschichte an Universitäten und Schulen stärker zu beachten.

Die von Kenneth Pomeranz aufgeworfene Diskussion über „The Great Divergence“ hat unbestritten erheblich zur Entwicklung von Globalgeschichte beigetragen. Tirthankar Roy (London) führte mit der Vorstellung des Projekts einer ’Global Economic History’ [3] in der Sektion ’Economic change in global history 1500-2000’ diese Diskussion weiter und thematisierte dabei verstärkt methodologische und konzeptionelle Fragestellungen. Neben einer verstärkten Berücksichtigung von Indien und Afrika wurden reziproke Vergleiche auch von außereuropäischen Entwicklungen etwa zwischen China und Japan angeregt. Dabei sollte sich Wirtschaftsgeschichte zugleich als Sozial- und Gesellschaftsgeschichte verstehen und politische Faktoren angemessen einbeziehen.

Die Sektion ’Economy - reformation - revolution: Transformations to and in modernity’ griff zwischen Maurice Dobb, Paul Sweezy und anderen in den 1950 und 1970er Jahren geführte Diskussionen über Übergänge vom Feudalismus zum Kapitalismus erneut auf.[4] Im Anschluss v.a. an den britischen Ökonomen und Historiker Stuart Holland [5] wurde das Modell einer ’mixed economy’ für Analysen von Transformationsprozessen bereits seit dem späten Mittelalter neu mit herangezogen. Herauszustellen seien zudem strukturale gesellschaftliche Kausalitäten anstelle eines ’prime movers’ und Interdependenzen sozioökonomischer, soziokultureller und soziopolitischer Faktoren. - Angela Huang (Lübeck) untersuchte dann die aufkommende Textilproduktion und die Textilexporte im Hanseraum als Ansätze zu einer frühen Proto-Industrialisierung.[6] Deutlich wurde auch hierbei die Relevanz mesoökonomisch-regionaler Entwicklungen für Übergänge zur Moderne.

In der Doppelsektion ’The Revolutionary and Napoleonic Wars as a conjunctur in global economic history’ betonte Patrick O’Brien (London) das Aufkommen von stärker wieder merkantilistischen Produktionsformen während der Napoleonischen Kriege in Großbritannien. Dazu führte er insbesondere die Verstärkung von effizientem Schiffbau für die britische Navy an. Hingegen zeigte Marjolein ’t Hart (Amsterdam) für die Niederlande stärker kontinuierliche Entwicklungen auf, während Carlos Santiago (Madrid) für Spanien auf weitere, längerfristig wirksame Faktoren verwies. In seinem abschließenden Kommentar warf Peer Vries (Amsterdam) vergleichende, auch kontrafaktische Fragestellungen auf und plädierte für die Annahme eines Spektrums von Entwicklungsmöglichkeiten.

Teils weitergeführt wurde die Diskussion in der Sektion ’War impact on commercial exchange and merchant networks in the 18th century’. Den ganz erheblicher Umfang von Schmuggel auch über halbillegale Lizenzen während der Napoleonischen Kriege belegte Margrit Schulte-Beerbühl (Düsseldorf). Geschmuggelt wurden etwa Holz und Materialien für den Schiffbau aus dem Baltikum und Skandinavien. Möglichkeiten für Schmuggel mit Hilfe kleiner Schiffe für kleine Händler boten Ostfriesland mit seiner unübersichtlichen Wattenlandschaft, Helgoland und die englische Küste. Silvia Marzagalli (Nizza) betonte die Flexibilität von Kaufleuten, die in erheblichem Umfang den Weg über die USA für Importe nutzten. Darauf hingewiesen wurde zudem, dass aus überlieferten Statistiken wohl lediglich Minimumzahlen zu erschließen sind.

In einer von Marcel van der Linden vom Amsterdamer Institute of Social History moderierten Buchvorstellung stellte Andrea Komlosy (Wien) eine neue englische Ausgabe ihrer Globalgeschichte der Arbeit vom 13. bis 21. Jahrhundert vor.[7] Hierin wirft sie auch von einer feministischen Perspektive her Licht auf die komplexe Koexistenz und Kombination vielfacher Formen von Arbeit in unterschiedlichen Kontexten, regional und weltweit.

Anmerkungen:
[1] Siehe das Gesamtprogramm des Kongresses und die Abstracts zu den Sektionen und Papers: http://www.eniugh.org/congress/
[2] Zu Chruschtschow und zur Geschichte Russlands und der Sowjetunion im 20. Jahrhundert beachte zudem etwa die neuere Darstellung aus einer kritisch-demokratischen Sicht von Orlando Figes, Hundert Jahre Revolution, München 2015, u.a. S. 293ff. Allerdings arbeitet Figes mit einem kaum geschichtstheoretisch reflektierten Revolutionsbegriff. Zur jüngeren Zeitgeschichte Ulf Engel, Frank Hadler, Matthias Middell (eds.), 1989 in a Global Perspective, Leipzig 2015.
[3] Verwiesen sei auf Georgio Riello, Tirthankar Roy, How India Clothed the World, Leiden/ Brill 2013 aus der Serie Global Economic History; Giorgio Riello, Prasannan Parthasarathi (eds.), The Spinning World. A Global History of Cotton Textiles, 1200-1850, Oxford 2009; Sven Beckert, King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, München 20152; Peer Vries, Ursprünge des modernen Wirtschaftswachstums. England, China und die Welt in der Frühen Neuzeit, Göttingen 2013; R. Studer, The Great Divergence Reconsidered: Europe, India and the Rise to Global Economic Power, Cambridge 2015.
[4] The Transition from Feudalism to Capitalism, London 1976 (introduction by Rodney Hilton); neuere Beiträge in: Ellen Meiksins Wood, The Origin of Capitalism. A Longer View, London 1999/20173; Arvind Sinha, Europe in Transition. From Feudalism to Industrialization, New Delhi 2010/ 20177, S. 745ff.
[5] Stuart Holland, Capital versus the Regions, London 1976; ders., The Regional Problem, London 1976; ders., The Socialist Challenge, London 19783; ders., The Global Economy. From Meso to Macroeconomics, London 1987; ders., The European Imperative, Nottingham 1993 (foreword by Jacques Delors); etc.
[6] Angela Huang, Die Textilien des Hanseraums. Produktion und Distribution einer spätmittelalterlichen Fernhandelsware, Köln 2015.
[7] Andrea Komlosy, Work. The Last 1,000 Years, London 2018 / Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive 13. bis 21. Jahrhundert, Wien 20143.

Besprochene Sektionen:
- Nikita Khrustchev: The last revolutionary or a new type of pragmatist?
- Roundtable: Socialism and Global History
- Roundtable: World and global history - Next steps to go
- Economic change in global history 1500-2000
- Economy - reformation - revolution: Transformations to and in modernity
- The Revolutionary and Napoleonic Wars as a conjunctur in global economic history
- War impact on commercial exchange and merchant networks in the 18th century
- Book Launch: Andrea Komlosy, Work. The Last 1,000 Years

Kontakt

Norbert Fabian
Ruhruniversität Bochum / Institut für soziale Bewegungen
Email: nobfabian@t-online.de

Zitation
Tagungsbericht: Brüche und Transformationen Zum Fifth European Global History Congress, 31.08.2017 – 03.09.2017 Budapest, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 19.01.2018, <www.connections.clio-online.net/conferencereport/id/tagungsberichte-7520>.